Ernst König

Dopingregeln sind f√ľr alle dieselben

  • 3. M√§rz 2022

  • Katharina Hodel

  • Alexandra Herzog/Adobe Stock

  • VIDEO Marc Frey

Das Doping-Statut gilt f√ľr alle Sporttreibenden mit einer Mitgliedschaft bei einem Verein, der Swiss Olympic angeschlossen ist. Warum es wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein und wann man auch im Breitensport mit einer Dopingkontrolle rechnen muss, verr√§t Ernst K√∂nig, Direktor von ¬ęSwiss Sport Integrity¬Ľ.

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Zur Person

Ernst K√∂nig (43) studierte Agrarwirtschaft und Informatik und war als Marketingverantwortlicher sowie Gesch√§ftsf√ľhrer bei nationalen Verb√§nden und Organisationen t√§tig. Seit 2018 ist der geb√ľrtige Berner Direktor von ¬ęSwiss Sport Integrity¬Ľ.

Ernst K√∂nig spielte Eishockey und nahm als aktiver Leichtathlet an Marathons teil. Er engagierte sich als Pr√§sident eines Eishockeyclubs und Mitorganisator von Laufveranstaltungen. Heute trifft man ihn auf dem Velo oder beim Laufen an.

Ernst König ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.

Ernst König

Ernst König, beginnen wir mit einer These: Nur im Spitzensport lohnt sich Doping. Im Breitensport wird deshalb nicht kontrolliert. Was sagen Sie dazu?

Ernst K√∂nig: Grunds√§tzlich lohnt es sich nie, auch im Spitzensport nicht. Aber wenn Sie auf die Kontrollsituation anspielen: Beim Doping ist der Spitzensport unser Fokus. Das heisst nicht, dass wir im Breitensport gar nichts machen. Die Regeln sind f√ľr alle dieselben. Aber machen wir im F√ľnftliga-Fussball regelm√§ssig Dopingkontrollen? Nein, es w√§re falsch. Schon aufgrund der grossen Anzahl von lizenzierten Athletinnen und Athleten, die es dort gibt. Antidoping-Arbeit ist teuer, wir rechnen bei einer Dopingkontrolle mit etwa 1'000 Franken. Es geht um die Effizienz der eingesetzten Gelder, die aus unserer Sicht im Spitzensport gegeben ist. Aber wir k√∂nnen und d√ľrfen jederzeit testen, auch auf tieferem Leistungsniveau, und wir machen es auch. Das t√∂nt jetzt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Denn wir machen es gezielt, praktisch ausschliesslich im Verdachtsmoment.
 

Wer trägt diese Verdachtsmomente an Sie heran?

Wir haben ein Meldeportal, √ľber das man uns einen Verdacht oder Vorfall √ľbermitteln kann, namentlich oder anonym. Das kommt eher selten vor, kann aber zu einer Kontrolle f√ľhren, wenn sich der Verdacht erh√§rtet. Was h√§ufiger vorkommt, ist eine Zusammenarbeit mit den Grenzbeh√∂rden. Wenn der Zoll verbotene Substanzen in Paketen findet, pr√ľfen wir, ob die Empf√§ngeradresse auf jemanden lautet, der dem Doping-Statut untersteht. Falls ja, ist das ein potenzieller Dopingverstoss, und es kann sein, dass wir dort gezielt eine Kontrolle durchf√ľhren.
 

Ist der Import von Dopingsubstanzen strafbar?

Nein. Der Gesetzgeber m√∂chte die Verf√ľgbarkeit von Dopingmitteln einschr√§nken, weil sie gesundheitlich sch√§dlich sind. Das heisst, der Import ist verboten, egal ob Sporttreibende oder nicht. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit strafbar. Die Schweiz geht hier einen Sonderweg, in allen umliegenden europ√§ischen L√§ndern ist der Eigenkonsum von Dopingsubstanzen unter bestimmten Umst√§nden strafbar, bei uns ist dies nicht der Fall. Es gibt keine Busse f√ľr den Import, die Person muss lediglich die Vernichtung zahlen. Strafbar sind aber Handel, Abgabe oder Herstellung von verbotenen Produkten.

Ernst König

Interview mit Ernst König zum Thema Doping

Warum bestellen Sportlerinnen und Sportler trotzdem verbotene Substanzen?

H√§ufig aus Unwissen und aus √§sthetischen Gr√ľnden. Bei den Amateurfussballspielern haben wir regelm√§ssig solche F√§lle. Sie k√∂nnen uns glaubhaft darlegen, dass sie die Substanzen nicht bestellt haben, um besser Fussball zu spielen. Sie wollen fit aussehen, auch auf sozialen Medien. Aber es macht f√ľr uns keinen Unterschied, ob es f√ľr den Lifestyle oder zur Leistungssteigerung ist. Wenn jemand mit einer Lizenz im Turnsport eine verbotene Substanz bestellt, egal wof√ľr, ist das ein potenzieller Dopingverstoss und kann zu einer Sperre f√ľhren.
 

Das f√ľhrt uns zur ‚ÄĻStrict Liability‚Äļ. Was ist darunter zu verstehen?

Jede Athletin und jeder Athlet ist selbst daf√ľr verantwortlich, was in ihren und seinen K√∂rper hineingelangt. Und zwar unabh√§ngig davon, ob es absichtlich passiert oder nicht. Wenn jemand Nahrungserg√§nzungsmittel aus unseri√∂sen Quellen kauft und konsumiert, finden sich h√§ufig Verunreinigungen, die verboten sind. Ist ein positiver Dopingbefund auf diese Verunreinigungen zur√ľckzuf√ľhren, sch√ľtzt dies nicht vor Strafe, kann h√∂chstens strafmildernd sein.
 

Warum ist der Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln noch problematisch?

Eine der wichtigsten Fragen, die sich jeder Sporttreibende stellen sollte, ist: Brauche ich dieses Mittel √ľberhaupt? In 99 Prozent der F√§lle ist die Antwort nein. Dennoch konsumieren 95 Prozent aller Athletinnen und Athleten Nahrungserg√§nzungsmittel. Viel wichtiger w√§re eine ausgewogene Ern√§hrung. Wenn man tats√§chlichen Bedarf hat, raten wir zur Vorsicht. Leider gibt es f√ľr den kleinen Schweizer Markt wenig zertifizierte Produkte. Wir k√∂nnen unseren Athletinnen und Athleten auch keine Empfehlungen abgeben. In der Pr√§vention raten wir, Nahrungserg√§nzungsmittel nur von seri√∂sen Schweizer Herstellern zu erwerben. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt auch das nicht, aber eine hohe.

Medikamente
Sportlerinnen und Sportler sollte in keinem Fall ein Medikament einnehmen, ohne es vorher mit der Medikamentenabfrage zu testen.

Können Medikamente wie aktuell Erkältungs- und Grippemittel auch ein Problem sein?

Ja, absolut. Auch hier gilt das Prinzip der ‚ÄĻStrict Liability‚Äļ. Wenn jemand beabsichtigt, Medikamente zu sich zu nehmen, empfehlen wir dringend, diese zu pr√ľfen. Man sollte in keinem Fall ein Medikament einnehmen, ohne es vorher auf unserer Medikamentenabfrage zu testen. Und zwar selbst pr√ľfen, sich nicht auf andere verlassen, auch nicht auf √Ąrztinnen und √Ąrzte, die nicht in der Sportmedizin zu Hause sind. Wir hatten im letzten Sommer den Fall Kariem Hussein, der diese Abfrage unterlassen hat, mit bekanntlich unsch√∂nen Folgen.
 

Wie verhält es sich mit Doping im Turnsport? Auch im Vergleich mit anderen Sportarten?

Die Dopingrate im Turnsport ist tief. National und international sind die Raten hoch bei den Sportarten, die man allgemein mit Dopingmissbrauch in Verbindung bringt. Das sind h√§ufig Ausdauersportarten, Leichtathletik, Rad, Skilanglauf und Kraftsportarten wie Gewichtheben. Der Turnsport ist da nicht dabei. Das heisst aber nicht, dass es keine F√§lle gibt. Denn Kraft ist im Turnen in vielen Disziplinen ein zentrales Element. Aufgrund dessen ist das potenzielle Risiko f√ľr einen Dopingmissbrauch durchaus vorhanden.
 

Muss ich als Turnerin an jedem Wettkampf mit einer Dopingkontrolle rechnen? Oder erst ab einem bestimmten Level?

Grunds√§tzlich haben wir das Recht, immer und √ľberall zu testen. √úber zwei Drittel unserer Kontrollen finden ausserhalb von Wettk√§mpfen statt. Unser Fokus liegt aber auf dem Spitzensport. An einem Turnfest ist die Wahrscheinlichkeit einer Dopingkontrolle eher klein.

Grunds√§tzlich haben wir das Recht, immer und √ľberall zu testen.
Ernst K√∂nig Direktor ¬ęSwiss Sport Integrity¬Ľ

Wie sch√§rfen Sie das Bewusstsein f√ľr das Thema Doping im Breitensport?

Das ist schwierig. Und es ist tatsächlich ein Präventionsproblem. Unser Fokus liegt auf dem Spitzensport. Uns ist bewusst, dass wir im Breitensport nur eingeschränkte Möglichkeiten haben. Wir setzen stark auf die Zusammenarbeit mit Swiss Olympic und den Verbänden, bei denen die hauptsächliche Verantwortung liegt. Wir helfen mit, wir sind verantwortlich, dass die Informationen korrekt und in einer möglichst zugänglichen Art aufbereitet sind, so dass sie von den Zielgruppen verstanden werden. Aber sicherstellen, dass alle Athletinnen und Athleten die Regeln kennen, können wir nicht. Der Breitensport wird in der Dopingprävention tatsächlich etwas vernachlässigt.
 

Kennen Breitensportlerinnen und Breitensportler ihre Rechte und Pflichten hinsichtlich Doping?

Schlecht. Aber wir haben sehr wenig mit ihnen zu tun. Es gibt circa 2 Millionen Sportlerinnen und Sportler in der Schweiz, unm√∂glich, dass wir alle erreichen. Was wir feststellen: Bei Dopingf√§llen mit grosser medialer Aufmerksamkeit explodiert die Zahl der Medikamentenabfragen. Dass die Dopingliste auch f√ľr sie gilt, realisieren viele leider erst dann, wenn ein grosser Fall publik wird.
 

Welche Ziele m√∂chten Sie mit ‚ÄĻSwiss Sport Integrity‚Äļ in den n√§chsten Jahren erreichen?

Wir haben grosse Ziele. Wir sind dabei, den neuen Bereich Ethikverst√∂sse zu implementieren. Dessen Bekanntheit ist uns sehr wichtig, vor allem im Breitensport. In der Pr√§vention haben wir eine grosse Offensive bis 2024 gestartet. √úber 20'000 Athletinnen und Athleten haben eine Swiss Olympic Card. Unser Ziel ist, dass ihr Erstkontakt mit uns eine Pr√§ventionsveranstaltung ist ‚Äď und nicht eine Dopingkontrolle.

Doping in Zahlen

  • √úber 300 Turnende des STV wurden 2021 an 11 Pr√§ventionsveranstaltungen zum Thema Antidoping ausgebildet.
  • Gegen 2 Millionen Aktivmitglieder in 18'310 Schweizer Sportvereinen unterstehen dem Doping-Statut von Swiss Olympic.
  • Rund 1000 Franken kostet eine Dopingkontrolle.
  • Jeweils √ľber 2000 Dopingkontrollen f√ľhrt Swiss Sport Integrity in normalen Jahren durch.
  • 1'471 Athletinnen und Athleten erhielten 2020 einen pers√∂nlichen Antidoping-Workshop, 8'958 eine digitale Schulung.
Logo Swiss Sport Integrity

Tipps zur Dopingprävention

Gut informieren: Rechte und Pflichten kennenlernen und in der Brosch√ľre ¬ęGemeinsam f√ľr sauberen Sport¬Ľ von Swiss Sport Integrity. Weiterbilden mit dem E-Learning-Kurs Clean Winner, Wissen testen mit dem PlayTrue Quiz/Youth Quiz der WADA.

Gezielt ausw√§hlen: Nahrungserg√§nzungsmittel von vertrauensw√ľrdigen Schweizer Herstellern kaufen und konsumieren. Bevorzugt gesunde Sportern√§hrung, Infos und Fachpersonen dazu findet ihr √ľber Swiss Sports Nutrition Society.

Unbedingt pr√ľfen: Medikamente vor der Einnahme immer mit der Medikamentenabfrage testen, via Mobile App oder auf www.sportintegrity.ch/medikamente.

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