Präventionskonzepte dienen allen

  • 10. August 2023

  • Alexandra Herzog

  • zvg

  • Erschienen im GYMlive 3/2023

Im Turnverein Belp wird Prävention gelebt. Wie so ein Präventionskonzept aussieht und warum die Thematik in jedem Verein ernstgenommen werden sollte, erklärt Vizepräsidentin Laura di Romualdo im Interview.

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Zur Person

Laura di Romualdo (24) ist seit 2021 Vizepräsidentin im Turnverein Belp. In dieser Funktion erarbeitete sie ein Präventionskonzept. Das Thema liegt ihr auch persönlich am Herzen. Di Romualdo studiert Deutsch und Geschichte im Master an der Uni Bern und arbeitet nebenbei als Front Office Agent in einem Hotel. Zu ihren Hobbys zählen Gymnastik, Zeit draussen verbringen sowie lesen und schreiben.

Laura di Romualdo, was hat den Ausschlag gegeben, dass euer Verein sich stark mit Prävention auseinandersetzt?

Das Thema war unserem Verein schon l√§nger ein Anliegen. Die Wichtigkeit wurde schnell erkannt, doch die Umsetzung in die Praxis liess auf sich warten. So blieb diese Thematik eine Zeit auf der Pendenzenliste liegen ‚Äď bis im Jahr 2020. Da wurde ich als Vizepr√§sidentin in den Vorstand gew√§hlt und bekam diese Aufgabe anvertraut. Auch wenn ich schon ahnte, dass da ein ziemliches St√ľck Arbeit auf mich zukommt, habe ich dies gerne √ľbernommen. Das Thema ist einfach sehr wichtig.
 

Wie sieht euer Präventionskonzept aus?

Unser Pr√§ventionskonzept h√§lt die Ziele und Regeln im Umgang mit Kindern und Jugendlichen im Verein zu deren Schutz vor jeglicher Form von Gewalt schriftlich fest. Das Konzept gibt aber auch dessen Umsetzung ‚Äď beispielsweise der organisatorische Aufbau des Pr√§ventionsteams ‚Äď vor. Es h√§lt ausserdem die Interventionsschritte im Falle von Grenz√ľberschreitungen fest. Das Konzept enth√§lt zudem einen Verhaltenskodex, an den sich alle im Verein zu halten haben. Weiter finden sich Verhaltensregeln f√ľr Leitende und Betreuungspersonen im Training und bei der Durchf√ľhrung von Trainingslagern. Auch die Ethik-Charta von Swiss Olympic ist im Konzept aufgef√ľhrt.

Das Pr√§ventionskonzept dient also zum einen als Handlungsanweisung f√ľr alle, die im Verein t√§tig sind. Zum anderen soll es zu einer Atmosph√§re der Aufmerksamkeit beitragen und somit pr√§ventivdaf√ľr sorgen, dass potenzielle T√§terinnen oder T√§ter keine Chance haben, unsere Kinder und Jugendlichen zu gef√§hrden beziehungsweise daf√ľr zu sorgen, dass sie erst gar nicht im Verein aktiv werden.
 

Wie seid ihr bei der Erarbeitung vorgegangen?

Als ich 2020 mit der Erstellung des Pr√§ventionskonzeptes begonnen habe, konnte ich kaum auf Vorlagen aus dem Turnsport zur√ľckgreifen. Das, was ich finden konnte, habe ich zusammengetragen und in unser Konzept einfliessen lassen. Besonders orientiert habe ich mich an den Unterlagen von Swiss Olympic und an anderen Konzepten ‚Äď etwa von Schulen. Als per 1. Januar 2022 das Ethik-Statut des Schweizer Sports in Kraft trat, wurde auch dieses aufgegriffen. Generell ist uns im Pr√§ventionsteam bewusst, dass ein solches Konzept stets im Wandel ist und laufender Aktualisierung bedarf.
 

Wie setzt ihr das Konzept um?

Zentral bei der Umsetzung eines solchen Konzeptes ist die Mithilfe aller. Zun√§chst muss organisatorisch alles gekl√§rt sein. Dies haben wir durch die Neuschaffung der Funktion der pr√§ventionsverantwortlichen Person gel√∂st. Mit einem Pr√§ventionsanlass im Jahr 2021 haben wir den Verein f√ľr das Thema sensibilisiert. Die beim Aufbau des Pr√§ventionskonzeptes angesprochenen Dokumente sind zu einem Pr√§ventionsdossier zusammengefasst. Die Verpflichtungserkl√§rung ist ebenfalls ein zentrales Element bei der Umsetzung ‚Äď genauso wie das Instrument, das uns durch das Einreichen des Sonderprivatauszuges zur Verf√ľgung steht. Dieser wird uns alle drei Jahre vorgelegt.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Prävention trägt zu einer positiven Vereinskultur bei.
Laura di Romualdo

Welche Aufgaben haben die präventionsverantwortlichen Personen?

Beim Erstellen des Pr√§ventionskonzept haben wir schnell bemerkt, dass es Sinn macht, eine neue Kommission zu schaffen, √ľber die ich als Vizepr√§sidentin den Vorsitz habe. So fungiere ich als eine Art Br√ľcke zwischen Vorstand und den Pr√§ventionsverantwortlichen. Dies war wichtig, um bestm√∂gliche Neutralit√§t zu garantieren. So konnte eine Anlaufstelle geschaffen werden, die nicht direkt im Vorstand angegliedert ist.

Die Hauptfunktion der Pr√§ventionsverantwortlichen besteht darin, vertrauensvolle Kontaktperson f√ľr alle Vereinsmitglieder, Eltern, Angeh√∂rige, Leit- und Drittpersonen zu sein. So w√§ren auch sie diejenigen, die Schritte zur Intervention einleiten w√ľrden. Zudem erf√ľllen sie weitere wichtige Aufgaben wie etwa die Mitplanung der Pr√§ventionsanl√§sse und der dort stattfindenden Workshops.
 

Wie wurde das Konzept von den Mitgliedern aufgenommen?

Viele konnten sich zun√§chst nicht viel unter einem Pr√§ventionskonzept vorstellen. Dies h√§ngt wohl in erster Linie damit zusammen, dass dieses Thema bei uns im Verein aufgegriffen wurde, bevor es auch in den Medien immer gr√∂ssere Wellen schlug. Uns war es von Anfang an wichtig, unsere Mitglieder und vor allem auch die Leitenden abzuholen und ihnen zu vermitteln, dass das Konzept f√ľrund nicht gegen sie ist. Dies haben wir sp√§testens mit dem Pr√§ventionsanlass erreicht.

Ein solches Konzept kann gerade auch f√ľr die Leitenden ein Schutz sein. Es soll nicht nur eine Anlaufstelle f√ľr Kinder oder Eltern, sondern auch f√ľr Leitende bei Fragen und Unsicherheiten sein. Auch wichtig war es, von Beginn weg den gesamten Verein zu informieren und auf dem Laufenden zu halten. So wurde an der Hauptversammlung 2020 auch die Ethik-Charta in den Statuten verankert.
 

Wie habt ihr den Vereinsmitgliedern die Thematik Prävention nähergebracht?

In erster Linie durch den bereits mehrfach erw√§hnten Pr√§ventionsanlass. Wir haben diesen damals im 2021 ¬ęLeiteranlass zur Orientierung √ľber das neue Pr√§ventionskonzept des TV Belp¬Ľ genannt. Organisiert haben den Anlass unsere drei Pr√§ventionsverantwortlichen und ich. Durchgef√ľhrt wurde dieser mit allen Leitenden der Jugend sowie Hauptleitenden der Aktiven und den anderen Vorstandsmitgliedern. Wir haben am Anlass vier Workshops zu den Themen Einf√ľhrung ins Pr√§ventionskonzept, Verhaltenskodex, Gleichbehandlung f√ľr alle und Selbstschutz durchgef√ľhrt. Dabei konnten wir einerseits auf die durch uns erstellten Dokumente zur√ľckgreifen, andererseits aber auch auf Bestehendes wie etwa die ¬ęSpirit of Sport Challenge¬Ľ-App von Swiss Olympic. Uns war sehr wichtig, dass wir unsere Message, dass all das f√ľrund nicht gegen die Leitenden ist, r√ľberbringen konnten. Dies ist uns gl√ľcklicherweise gelungen. Das Thema stiess auf grosses Interesse.

Vereine tragen eine Verantwortung gegen√ľber ihren Mitgliedern, f√ľr deren Sicherheit und Wohlbefinden zu sorgen.
Laura di Romualdo

Gab es seither schon Ereignisse, in denen ihr froh wart auf das Pr√§ventionskonzept zur√ľckgreifen zu k√∂nnen?

Nicht im negativen Sinne ‚Äď da scheint das Konzept seinen Sinn der Pr√§vention zu erf√ľllen ‚Äď zum Gl√ľck! Sehr wohl zum Einsatz kommen jedoch zum Beispiel die angesprochenen Merkbl√§tter, die unseren Mitgliedern ‚Äď zum Beispiel in unserem j√§hrlichen Jugendlager ‚Äď als Orientierungshilfe dienen. Dar√ľber freuen wir uns sehr. Auch bei Anl√§ssen wie dem Jugend-Ger√§tecup, den wir j√§hrlich durchf√ľhren oder dem Mittell√§ndischen Turnfest, bei dem wir im Juni 2024 rund 2000 Kinder und Jugendliche bei uns im Belpmoos erwarten, sind wir froh, dass wir nicht noch schnell ein solches Konzept aus dem Boden stampfen m√ľssen.
 

In eurem Präventionskonzept liegt der Fokus auf dem Kinder- und Jugendschutz. Gibt es noch andere Aspekte, mit denen ihr euch befasst?

Wie bereits erwähnt, gibt es immer etwas zu tun. Wir freuen uns, in Zukunft weitere Schritte anzupacken, wie etwa der vermehrte Einbezug der Eltern und Betreuungspersonen. Auch weitere Themen wie die Ausweitung auf die erwachsenen Mitglieder oder Prävention im Sinne von Gesundheitsförderung sind denkbar.
 

Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass sich Vereine mit dem Thema Prävention auseinandersetzen?

Vereine tragen eine Verantwortung gegen√ľber ihren Mitgliedern, f√ľr deren Sicherheit und Wohlbefinden zu sorgen. Indem sie sich mit Pr√§vention auseinandersetzen, zeigen Vereine, dass sie diese Verantwortung ernst nehmen. Dies st√§rkt das Vertrauen der Mitglieder in den Verein und f√∂rdert eine positive Vereinskultur.

Doch dar√ľber hinaus, reicht diese Verantwortung bis in die Gesellschaft hinein: Als Verein ist man in der Gemeinschaft verwurzelt. Indem man sich mit Pr√§vention auseinandersetzt, kann man sich als Verein eine positive Reputation aufbauen und zeigen, dass man sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist. So kann auch dies ein Faktor sein, neue Mitglieder gewinnen zu k√∂nnen. F√ľr mich ist klar: Die Auseinandersetzung mit dem Thema Pr√§vention ist f√ľr Vereine eine klare Win-Win-Situation.
 

Tipps und Tricks, wie Vereine das Thema angehen können?

Mittlerweile gibt es zahlreiche grossartige Hilfestellungen im Internet. So etwa auf der Website von Swiss Sport Integrity. Zudem hilft der Austausch mit anderen ‚Äď seien dies Fachstellen oder Vereine. So erhalten auch wir seit der √∂ffentlichen Publikation des Pr√§ventionskonzepts im Dezember 2021 immer wieder mal Anfragen von Turn- aber auch von anderen Sportvereinen, wie zum Beispiel Fussballclubs. Dar√ľber freuen wir uns sehr. Es gibt kaum einen sch√∂neren Lohn f√ľr seine Arbeit, als wenn man andere motivieren kann, am gleichen Strang zu ziehen.

STV-Webinput ¬ęPr√§ventionsverantwortliche¬Ľ

Der STV will sich verst√§rkt in der Pr√§vention im Vereinsalltag einsetzen. Die Sensibilisierung f√ľr ethische Themen soll auch mit einer verantwortlichen Person im Bereich der Pr√§vention, einer sogenannten pr√§ventionsverantwortlichen Person, vorangetrieben werden. So sollen die neusten Entwicklungen und Informationen besser und schneller an die Vereinsmitglieder gelangen. Zudem k√∂nnen Plattformen geschaffen werden, um einen regelm√§ssigen Austausch zu diesen Themen innerhalb des Vereines zu erm√∂glichen. Ber√ľhrungs√§ngste und Hemmungen gegen√ľber Ethik-Themen sollen abgebaut und im Verein enttabuisiert werden. Somit kann Sicherheit im Umgang mit ethischen Themen geschaffen werden.

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