Offene Kommunikation und FlexibilitÀt

  • 19. Januar 2023

  • Alexandra Herzog

  • Alexandra Herzog/Philipp Kolb/zvg

Damit Menschen mit BeeintrÀchtigung im «normalen» Turnverein mit dabei sein können, braucht es vor allem Offenheit, Kommunikation und FlexibilitÀt.

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Diese Erkenntnis zeigt sich auch in den Geschichten von Banchu Madörin, Ronny Gabathuler und Rafael GĂŒller.

Rafael GĂŒller

Jahrgang 1997, STV Herznach, Trisomie 21

Rafael GĂŒller ist ehrgeizig. Nicht nur im wöchentlichen Circuit-Training, das in den Wintermonaten in der Turnhalle von Herznach oder Ueken stattfindet, gibt er Vollgas. Auch in allen sportlichen Belangen. Der 25-JĂ€hrige mit Trisomie 21 turnt seit Kindesbeinen im STV Herznach. «Er gehört einfach dazu», sagt sein Leiter Simon Hunziker. Dass er sich wohlfĂŒhlt, ist Rafi anzumerken. Leichtathletik, Steinstossen sowie Krafttraining gehören zu seinen Leidenschaften. «Er will immer mehr als die anderen, gibt immer alles. Wenn etwas nicht geht, wie er es gerne hĂ€tte, Ă€rgert sich Rafi», erzĂ€hlt Simon.

An den Turnfesten absolviert Rafael GĂŒller jeweils Schleuderball, Steinstossen und Kugelstossen. Beim Steinstossen nimmt er den gleichgrossen Anlauf und die normalschweren Steine – bis 40 Kilo – wie seine Kollegen. «Seine SchleuderbĂ€lle fliegen immer pfeilgerade. Diese Resultate könnten wir sogar zĂ€hlen lassen», erklĂ€rt sein Leiter.

Auch als Showman tritt er gerne auf. So ist Rafi GĂŒller an jeder Turnshow auf der BĂŒhne prĂ€sent. «Ich tanze gern. FrĂŒher habe ich Breakdance gemacht», erzĂ€hlt Rafi GĂŒller. Diesen Hintergrund merke man. «Er hat eine Körperspannung wie fast kein anderer», betont Simon.

Der respektvolle Umgang und das VerstĂ€ndnis seien wichtig, wenn man jemanden mit einer Behinderung im Verein habe. Wichtig sei aber auch, der Austausch und die Kommunikation mit den Eltern. «So eine Person wie Rafi gibt dem Verein sehr viel zurĂŒck. FĂŒr uns ist es eine Ehre, ihn dabei zu haben», betont Hunziker.

Banchu Madörin

Jahrgang 1996, TV Itingen, starke Sehbehinderung

Seit sie im Alter von fĂŒnf Jahren adoptiert wurde – sie ist in Äthiopien geboren – turnt Banchu Madörin beim TV Itingen mit: Kinderturnen, MĂ€dchen- und heute Damenriege. «Die Vereinsmitglieder sind mit mir und meiner Behinderung aufgewachsen», sagt die 26-jĂ€hrige Jura-Studentin.

Sie ist, seit sie denken kann, stark sehbehindert. Der Grund dafĂŒr ist, wie man vermutet, ein viraler Infekt. Auf dem linken Auge ist Banchu komplett blind, rechts betrĂ€gt ihr Restsehvermögen zwei bis fĂŒnf Prozent. Dieser Wert beziehe sich aber auf das zentrale Gesichtsfeld, also auf das Scharfsehen und Fokussieren, wie Banchu erklĂ€rt. «Mein peripheres Gesichtsfeld ist dafĂŒr sehr gut ausgeprĂ€gt. Das bedeutet, ich nehme Personen und GegenstĂ€nde in der Umgebung, wie zum Beispiel Trottoir-RĂ€nder mit dem Hirn wahr und kann entsprechend darauf reagieren», so die Baselbieterin weiter. Diese FĂ€higkeit ermöglicht Banchu, dass sie alleine Joggen gehen oder ohne Blindenstock in der Stadt unterwegs sein kann. Das sei zwar anstrengend, aber gut machbar. Was gar nicht geht, sind Ballsportarten, weil da zentrales Sehvermögen nötig ist.»

Das ist eine Herausforderung, weil der Fokus in der Damenriege Itingen auf Ballsportarten, wie Fachteste oder 3-Spiele-Turnier, liegt. Daher war fĂŒr Banchu auch die Teilnahme am Turnfest nicht erfĂŒllend: «Um mitmachen zu können, habe ich jeweils den 800-Meter-Lauf absolviert. Aber als LangstreckenlĂ€uferin kommst du damit auf keine gute Note.» Es sei schade, dass sie sich deshalb im Verein sportlich nicht so stark einbringen könne. Deshalb habe es schon Phasen gegeben, in denen sich Banchu gefragt hat, ob es noch Sinn macht, im Verein zu bleiben. Ganz den RĂŒcken kehren möchte die 26-JĂ€hrige jedoch ihrem Verein nicht – sie ist zu stark verwurzelt im TV Itingen und er hat ihr viel gegeben. Etwa neun Jahre lang war sie als Leiterin tĂ€tig, nun wirkt die 26-JĂ€hrige noch als Technische Leiterin mit. «Meine sportlichen Ambitionen lebe ich jetzt einfach in anderen Bereichen wie dem Langstreckenlauf oder dem Bouldern aus», erklĂ€rt sie. Und vielleicht versucht sie es in einem Nachbarverein dann mal noch mit GerĂ€teturnen. «Das wĂŒrde mich schon reizen», gibt Banchu zu.

Damit Integration funktioniere, brauche es Offenheit, FlexibilitĂ€t und gute Kommunikation von beiden Seiten – das Zwischenmenschliche mĂŒsse stimmen. «Disziplinen zu schaffen, die fĂŒr alle machbar sind, ist fast nicht möglich, da es so viele verschiedene Behinderungen gibt», so Banchu. Aber die Bereitschaft, es zu versuchen und nicht von Vornherein abzulehnen, sollte vorhanden sein.

Ronny Gabathuler

Jahrgang 1992, TV Weite, Beinprothese

Seit Anfang 2022 mischt Ronny Gabathuler wieder aktiv als Oberturner und Leiter der Barrenriege im TV Weite mit – fast wie vor seinem Autounfall vor bald drei Jahren. Anders ist nur, dass der 30-JĂ€hrige jetzt links eine Unterschenkelprothese trĂ€gt und sein rechtes Fussgelenk versteift ist.

Ronny war froh, als er wieder in den Turnverein zurĂŒckzukehren konnte. «Das hat mir schon gefehlt. Zu Beginn habe ich vor allem administrative Sachen erledigt, dann aber bald auch wieder aktiv mitgeturnt», sagt Ronny. Spezielle Massnahmen brauchte es dafĂŒr keine. «Ich habe aber zum GlĂŒck eine leichtere Beinprothese fĂŒr den Sport bekommen. Das ist besser, weil sie weniger Schwerkraft hat», so Ronny. Weiter hat er bei den Verantwortlichen des Wertungsgericht beim Schweizerischen Turnverband einen Antrag gestellt, dass sein Verein keine AbzĂŒge bekommt, wenn Ronny mitturnt. Wegen seiner Prothese kann er nĂ€mlich keine Auf- und AbgĂ€nge machen und die FĂŒsse nicht strecken. «Ich finde es super, dass man das berĂŒcksichtigt. Wenn der Verein wegen mir AbzĂŒge bekommen wĂŒrde, hĂ€tte ich nicht mehr mitgeturnt», betont der 30-JĂ€hrige.

Was er möglichst vermeiden sollte, seien StĂŒrze. Aber als ehemaliger Kunstturner hat Ronny ein gutes KörpergefĂŒhl und weiss, was er sich zumuten kann. «Da ich selbst leite, kann ich mich bei der Gestaltung des Barren-Programms so einbringen, dass ich diese Elemente turnen kann, die fĂŒr mich gut gehen», so Ronny weiter.

Der Turnverein gibt Ronny grossen RĂŒckhalt. Vor allem auch in der schwierigen Zeit nach dem Unfall. «WĂ€hrend der dreimonatigen Reha in Bellikon, hat mich am Wochenende immer ein Vereinskollege abgeholt und wieder gebracht», erzĂ€hlt er. Auch die moralische UnterstĂŒtzung sei sehr wertvoll. Seine Situation zeige im Gegenzug den Vereinskollegen, dass nichts unmöglich ist und dass es sich lohne, nie aufzugeben und immer wieder versuchen, weiterzumachen.

Auch fĂŒr Ronny ist das gegenseitige VerstĂ€ndnis und die FlexibilitĂ€t ein wesentlicher Aspekt bei der Integration von Menschen mit BeeintrĂ€chtigung. «Die anderen Mitglieder sollen diese Person ermuntern und ihr das GefĂŒhl geben, dass sie auch alles schafft», sagt der TV-Weite-Turner.

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