Nach zwei RĂŒcktritten: Nationalkader-Gruppe der Rhythmischen Gymnastik wird nicht weitergefĂŒhrt

  • 03. Juni 2021

  • Vasilije Mustur

  • Anna Kull

Die Nationalkader-Gymnastinnen Analena Lisa Hofer und Aleksandra Petrovic treten vom Spitzensport in der Rhythmischen Gymnastik zurĂŒck. Nach den RĂŒcktritten der beiden Athletinnen wird die Nationalkader-Gruppe bis auf Weiteres nicht weitergefĂŒhrt.

Die Nationalkader-Gruppe der Rhythmischen Gymnastik muss zwei RĂŒcktritte vermelden: Analena Lisa Hofer sowie Aleksandra Petrovic treten per Ende Juni 2021 vom Spitzensport zurĂŒck.

Analena Lisa Hofer begrĂŒndet ihren RĂŒckzug vom Leistungssport mit der aus ihrer Sicht unsicheren sportlichen Zukunft: «Die unklaren Zukunfts-Perspektiven in der Rhythmischen Gymnastik haben mir gezeigt, dass ich andere sportliche Rahmenbedingungen brauche, um meine Bestleistungen abzurufen.» Zudem möchte sich die 15-JĂ€hrige Uetendorferin auf ihre akademische Zukunft konzentrieren. So wird die Gymnastin nach den Sommerferien in das Gymnasium Thun eintreten.

Aleksandra Petrovic macht persönliche GrĂŒnde fĂŒr ihren RĂŒcktritt geltend: «In den letzten Monaten ist es mir immer schwerer gefallen, mich von meiner Familie zu trennen. Dieser Umstand hat dazu gefĂŒhrt, dass ich meine Motivation fĂŒrs Training und die WettkĂ€mpfe zunehmend verloren habe – und aus mentaler Sicht konnte ich diese Lust und Motivation nicht mehr wiederfinden.»

Nationalkader-Gruppe nicht weitergefĂŒhrt

Die RĂŒcktritte der beiden Athletinnen verdeutlichen eine der zahlreichen Herausforderungen in der Rhythmischen Gymnastik: Der Schweizerische Turnverband STV hatte die Nationalkader-Gruppe nach der verpassten Olympia-Qualifikation im Jahre 2018 ein erstes Mal aufgelöst. Parallel dazu wurden zur StĂ€rkung der Sportart weitreichende Investitionen im medizinischen und sozialen Bereich sowie bei der Infrastruktur getĂ€tigt. Diese Investitionen hatten jedoch nicht den gewĂŒnschten Effekt. Vielmehr stufte Swiss Olympic die Rhythmische Gymnastik im Februar dieses Jahres aufgrund der schlechteren sportlichen Resultate im vergangenen Olympia-Zyklus von Stufe 3 auf 4 zurĂŒck. Diese Massnahme hat eine Reduktion des Verbandsbeitrages in der Rhythmischen Gymnastik um 280'000 auf neu 85'000 Franken zur Folge.

DarĂŒber hinaus musste der STV aufgrund von Verletzungen in der Nationalkader-Gruppe auf die Teilnahme an den diesjĂ€hrigen Europa- und Weltmeisterschaften in Bulgarien und Japan verzichten.

Nun erschweren der sportliche Verlust von Analena Lisa Hofer und Aleksandra Petrovic die mittel- und langfristige Planung der Nationalkader-Gruppe der Rhythmischen Gymnastik zusĂ€tzlich. Mit den RĂŒcktritten zĂ€hlt die Nationalkader-Gruppe in Zukunft nur noch fĂŒnf Gymnastinnen. Andererseits sind in der Schweiz auf Stufe Elite lediglich eine geringe Anzahl an Athletinnen anzutreffen, welche fĂŒr die Nationalkader-Gruppe aus sportlicher Sicht in Frage kommen. In diesem Zusammenhang beenden eine Vielzahl der Gymnastinnen ihre Karriere bereits auf Stufe Nachwuchs oder Juniorinnen. Treten Gymnastinnen zurĂŒck oder erleiden Verletzungen, verteilt sich somit der sportliche Druck auf die im Kader verbleibenden Athletinnen – dies, um den Fortbestand der Gruppe zu sichern.

Das Wohl der Athletinnen im Zentrum

Diese fehlende Breite wird sich kurzfristig noch weiter akzentuieren. «Wir wollen die Athletinnen ins Zentrum stellen und ihnen die bestmöglichen Rahmenbedingungen bieten. Die jetzige Situation verunmöglicht einen seriösen und professionellen Formaufbau, eine nachhaltige Planung und ein normales Gruppentraining. Die verbliebenen Gymnastinnen wĂŒrden unter sehr grossem Druck stehen und teilweise unnötige gesundheitliche Risiken eingehen,» sagt David Huser, Chef Spitzensport STV.

Daher hat der Zentralvorstand des STV auf Antrag der GeschĂ€ftsleitung entschieden, die Nationalkader-Gruppe der Rhythmischen Gymnastik vorerst nicht weiterzufĂŒhren. Die VertrĂ€ge mit den Gymnastinnen werden per Ende Juni dieses Jahres aufgelöst. Der Vertrag der amtierenden Nationaltrainerin Nadine Rickenbacher-Stucki lĂ€uft per Ende Juni 2021 regulĂ€r aus.

Dieser Entscheid ist uns sehr schwer gefallen. Es tut mir insbesondere leid fĂŒr die betroffenen Athletinnen.
BĂ©atrice Wertli STV-Direktorin

Der STV wird alles in seinen KrĂ€ften Mögliche tun, um fĂŒr alle Athletinnen individuelle Lösungen fĂŒr ihre weitere sportliche und schulische Zukunft sicherzustellen und wird sie dabei begleiten. «Dieser Entscheid ist uns sehr schwer gefallen. Es tut mir insbesondere leid fĂŒr die betroffenen Athletinnen. Es ist uns jedoch wichtig, die Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Gesundheit steht fĂŒr uns an erster Stelle. Dieses Werteversprechen leben wir,» sagt BĂ©atrice Wertli, STV-Direktorin zum Entscheid.

JEM-Gruppe und Einzel-Gymnastin fahren an EM

Derzeit arbeitet der Schweizerische Turnverband STV an zwei Zukunftsszenarien fĂŒr die Rhythmische Gymnastik. Dieser Prozess dauert an. Daher wird bis auf Weiteres auf eine neue Nationalkader-Gruppe verzichtet. Liegt das zukĂŒnftige Szenario vor, wird der STV den Wiederaufbau einer Gruppe erneut prĂŒfen. Die getroffenen Massnahmen haben keinen Einfluss auf die geplante Teilnahme im Einzel- und mit der Juniorinnen-Gruppe (JEM) an den kommenden Europameisterschaften vom 9.-13. Juni 2021 in Bulgarien.

Erfolge auf Juniorinnen-Stufe

Analena Lisa Hofer und Aleksandra Petrovic blicken derweil auf eine respektable Karriere zurĂŒck. Die 15-JĂ€hrige Analena Lisa Hofer wurde im Jahre 2017 Schweizer Meisterin mit dem RLZ Biel mit dem HandgerĂ€t Band und nahm vor zwei Jahren im serbischen Novi Sad am internationalen Juniorinnen-Mehrkampf teil. Bei diesem Wettbewerb belegte Analena Lisa Hofer mit dem RLZ Biel den 2. Platz.

Analena Lisa Hofer erinnert sich auch gerne an den 1. Platz in NĂŒrnberg am internationalen Wettkampf im Jahr 2017 sowie den 3. Rang in Sofia 2016 zurĂŒck. «Die Teilnahmen an den internationalen WettkĂ€mpfen waren fĂŒr mich unvergessliche Momente mit der Mannschaft. Das wird mir fehlen. DarĂŒber hinaus werde ich den Ballettunterricht, welchen ich wĂ€hrend meiner Karriere erleben durfte, vermissen».

Aleksandra Petrovic erturnte sich an den Schweizer Meisterschaften im Jahre 2016 den 2. Rang im Gruppenmehrkampf und nahm vor zwei Jahren an den Juniorinnen-Europameisterschaften der Rhythmischen Gymnastik in Baku teil. Dort erreichte sie mit der Juniorinnen-Gruppe den 8. Rang mit dem HandgerÀt Band.

Dank

Die beiden Gymnastinnen sind sich bewusst, dass ihre Karriere ohne ihr Umfeld nicht möglich gewesen wĂ€re. «Deshalb möchte ich mich bei allen herzlich bedanken, die mich seit der 1. Primarschul-Klasse in diesem Sport begleitet und unterstĂŒtzt haben,» sagt Analena Hofer. Nun will sich Analena Lisa Hofer auf ihre schulischen Leistungen konzentrieren. Die 15-JĂ€hrige betont aber: «Sport in irgendeiner Form werde ich auch in Zukunft betreiben. Daher kann ich mir sehr gut vorstellen, kĂŒnftig als Trainerin in meinem Stammverein RG TV Thun tĂ€tig zu sein».

Aleksandra Petrovic wird ein Praktikumsjahr in der Sozialpflege oder eine Lehrstelle als Kauffrau absolvieren und dankt dem STV-Team fĂŒr die UnterstĂŒtzung: «Ein grosses Dankeschön geht an meine Cheftrainerin und Ballett-Trainerin.»

Der Schweizerische Turnverband STV bedauert die RĂŒcktritte von Analena Lisa Hofer und Aleksandra Petrovic sowie die NichtweiterfĂŒhrung des Nationalmannschaftskaders. «Wir danken den beiden Gymnastinnen und dem gesamten Team fĂŒr Ihre Leistungen und Engagement. Und wir danken dem Trainerteam Nadine Rickenbacher, Chiara Torino, CĂšline Chavanne und Elena Cornu fĂŒr ihren ausserordentlichen Einsatz in dieser herausfordernden Zeit» sagt STV-Direktorin BĂ©atrice Wertli.

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