Im Einklang mit der Umwelt

  • 5. September 2023

  • Thomas Ditzler

  • Archiv STV/ETF Aarau/zvg

  • Erschienen im GYMlive 3/2023

Umweltbewusstes und nachhaltiges Handeln findet in der Bevölkerung eine immer grösser werdende Akzeptanz. Dieses Umdenken zeichnet sich seit lĂ€ngerer Zeit auch im Turnsport ab – so unter anderem an Turnfesten wie am ZĂŒrcher Kantonalturnfest 2023. Doch was steckt alles hinter Nachhaltigkeit im Turnsport?

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«Es ist das PflichtgefĂŒhl, dass man der Erde möglichst wenig Schaden zufĂŒgt, die Region unterstĂŒtzt und die beteiligten Personen wertschĂ€tzt», sagt Sarina Sigg. Sigg war am ZĂŒrcher Kantonalturnfest Wyland im vergangenen Juni gemeinsam mit Priska Steiger und MichĂšle Geniets fĂŒr den Bereich Nachhaltigkeit verantwortlich. Ein Turnfest mit 15’000 Turnenden stellt auch eine Belastung fĂŒr die Umwelt dar. Damit diese Einwirkungen möglichst klein gehalten werden konnten, wurde vom Organisationskomitee in mehreren Hinsichten nachhaltig gehandelt.

Dass der Nachhaltigkeitsaspekt im Turnsport schon vor Jahren Einzug gehalten hat, zeigen unter anderem die Nachhaltigkeitsberichte der beiden Eidgenössischen Turnfeste 2013 in Biel und 2019 in Aarau. Dass die Thematik beim Schweizerischen Turnverband schon lĂ€nger eine Wichtigkeit hat, zeigte sich nicht zuletzt auch mit der Unterzeichnung des STV der Commitments «Sport schĂŒtzt Umwelt», die vor einem Jahr von Swiss Olympic formuliert wurden. Der STV gehörte damals zu den elf SportverbĂ€nde, die sich zum Engagement im Bereich Umwelt verpflichtet haben.

Jede kleine Massnahme sollte gefördert werden.
Nachhaltigkeitsverantwortliche KTF Wyland 2023

Auf intakte Umwelt angewiesen

Der Sport und insbesondere das Turnen ist auf eine intakte Umwelt angewiesen. Ebenso ist die Umwelt auch abhĂ€ngig von einer rĂŒcksichtsvollen SportausĂŒbung. Der Sport hat somit positive als auch negative Auswirkungen auf die Umwelt. Weil dies vielen Turnenden klar ist, wird umweltbewusstes Verhalten im Sport immer mehr gefördert und gelebt.

FĂŒr AnlĂ€sse wie Turnfeste sind die Organisatoren auf intakte, vielfĂ€ltige und zugĂ€ngliche Landschaften und umweltvertrĂ€gliche Sportanlagen angewiesen. «Wir sind uns bewusst, aus ökologischer Sicht wĂ€re das nachhaltigste Turnfest jenes, dass nie stattgefunden hĂ€tte», so das Nachhaltigkeitsteam des KTF Wyland. Weil die Turnenden aber fĂŒr ihre Turnfeste leben, sei man umso mehr in der Verantwortung, das bestmögliche fĂŒr ein nachhaltiges Fest zu tun. «Ein Turnfest fördert automatisch den sozialen Aspekt, was mit den Bereichen Gesellschaft abgehandelt wird. Dieser zĂ€hlt neben Umwelt und Wirtschaft zu den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit», ergĂ€nzen Sigg, Steiger und Geniets.

Damit sich TurnanlĂ€sse generell immer mehr nachhaltig entwickeln, sollten alle diese drei Bereiche der Nachhaltigkeit gefördert werden. Gerade weil der Bereich Gesellschaft in Turnkreisen bereits grossgeschrieben wird, war es den Verantwortlichen am Kantonalturnfest im Wyland ein besonderes Anliegen auch die Umwelt genĂŒgend zu berĂŒcksichtigen.

Mit rĂŒcksichtsvoller SportausĂŒbung wird auch die Umwelt nachhaltig geschont. Beispielsweise mit temporĂ€ren Anlagen wie am KTF Wyland.
Nachhaltige Anreise. Über 90 Prozent der Turnenden reisten 2013 mit dem öV ans «Eidgenössische».
Umweltbewusstes Verhalten wird im Sport immer mehr gefördert und gelebt, so auch an den Turnfesten.
Einer der nachhaltigsten Massnahmen 2019 am ETF in Aarau stellte der Bodenschutz mit Holzrosten dar.

Drei «R» fĂŒr wenig Abfall

FĂŒr das ZĂŒrcher Kantonalturnfest wurden Nachhaltigkeitsziele gesetzt und zahlreiche Massnahmen zur Umsetzung definiert. Zwei davon seien besonders zentral behandelt worden, erklĂ€rt das Trio. Einerseits die regionale Wertschöpfung, sowie das «Drei R-Modell» im Abfallbereich. Dieses sah «reduce» (vermeiden), «reuse» (wiederverwenden) und «recycle» (fachgerechtes Entsorgen) vor. «Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, möglichst wenig Abfall zu produzieren», sagen die Verantwortlichen. Auf dem gesamten FestgelĂ€nde kamen Mehrwegbecher zum Einsatz und die Abfalleimer zur Abfalltrennung wurden grosszĂŒgig verteilt. «Es gab Massnahmen mit grösserem und kleinerem Impact. Aber jede kleine Massnahme sollte gefördert werden. Es wurde versucht, so viele wie möglich umzusetzen», betont die Nachhaltigkeitscrew.

Wir wollten die Wertschöpfung in der Region behalten.
Nachhaltigkeitsverantwortliche KTF Wyland 2023

Regionale Wertschöpfung

Dem KTF-OK war es auch ein grosses Anliegen, dass die regionale Wirtschaft, wo immer möglich, unterstĂŒtzt und bevorzugt werden konnte. Unter anderem mit einem regionalen BĂ€ckerring, der die Brotlieferung vor Ort sichergestellt hatte. Zudem griff man auf zahlreiche Firmen und Personal aus dem ZĂŒrcher Weinland zurĂŒck: «So konnten wir einen grossen Teil der Wertschöpfung in unserer Region behalten.»

Ein essenzieller Punkt in der Nachhaltigkeit, sei auch die An- und Abreise der Turnenden und Besuchenden gewesen. Mit der BenĂŒtzung des öffentlichen Verkehrs als Hauptverkehrsmittel konnte bei einer der grössten Umweltbelastung ein wichtiger Bereich abgedeckt werden.

Einen nachhaltigen Anlass zu organisieren ist teilweise mit Mehrkosten verbunden. Da vieles sowieso organisiert werden musste, konnte bereits zu Beginn der Planungsarbeiten der Aspekt der Nachhaltigkeit berĂŒcksichtigt werden. So konnten die Mehrkosten in Grenzen gehalten werden. «Wir wollten auf keinen Fall mit dem Fest einen finanziellen Verlust schreiben. Deshalb waren wir in der Nachhaltigkeit auch zu Abstrichen gezwungen», sagen die Nachhaltigkeitsverantwortlichen und ergĂ€nzen: «Es musste eine gute Balance zwischen dem finanziellen Aufwand und der Nachhaltigkeit gefunden werden.» Das Credo des Teams lautete: «Wir machen was wir können und wir sind stolz darauf, einen Beitrag in die richtige Richtung geleistet zu haben.»

Es muss vorgelebt werden

Stefan Riner, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des ETF Aarau 2019, widmete sich in seiner Diplomarbeit an der Hochschule St. Gallen der Nachhaltigkeit im Turnsport. Unter dem Titel «Das Swiss Olympic Engagement â€čSport schĂŒtzt Umweltâ€ș: Auf die Ökologie fokussierte Massnahmen fĂŒr den Schweizerischen Turnverband» reichte er im Februar 2023 seine Arbeit ein.
 

Stefan Riner, wieso ist Nachhaltigkeit im Turnsport wichtig?

Stefan Riner: Nachhaltigkeit ist ĂŒberall wichtig. Gerade in der Wirtschaft und in der Politik ist das Thema allgegenwĂ€rtig. Da ist es nur normal, dass auch im Sport die Nachhaltigkeit thematisiert werden muss. Beim Erarbeiten meiner Arbeit habe ich gemerkt, dass Nachhaltigkeit bei vielen VerbĂ€nden ein grosses Thema ist. Dennoch ist man vielerorts noch nicht da, wo man gerne stehen wĂŒrde.
 

Welche Erkenntnisse ziehst du aus deiner Arbeit?

Dass die Nachhaltigkeit in den Sportkreisen angekommen ist. Den meisten ist bewusst, dass man in dieser Hinsicht etwas unternehmen muss. Oft sind es aber erst einzelne Nadelstiche, die mit vereinzelten Projekten gesetzt wurden. Viele VerbĂ€nde und Vereine sind zwar am Erarbeiten einer Strategie, abgeschlossen sind diese aber grösstenteils noch nicht. Eine gesamtheitliche Strategie fehlt bisher. Swiss Olympic hat mit dem Engagement «Sport schĂŒtzt Umwelt» nun im Bereich Umweltschutz dieses Thema in Angriff genommen, steckt aber ebenfalls noch in den Kinderschuhen. Die ETFs 2013 und 2019 haben gezeigt, dass man bei Veranstaltungen in dieser Hinsicht schon weit fortgeschritten ist. Im Vereinsalltag ist Nachhaltigkeit aber praktisch noch kein Thema.
 

Wo siehst du entsprechend am meisten Handlungsbedarf?

Was man bei einzelnen Vereinen im Nachhaltigkeitsbereich erreichen kann, ist sehr individuell und kommt auf die StÀrke der treibenden KrÀfte in den VorstÀnden oder auch auf die Erwartungen der Mitglieder an. Da kommen dann auch die VerbÀnde ins Spiel. Diese sollten das Thema vorleben und den Vereinen in dieser Hinsicht Hilfestellungen und Tipps weitergeben. Das ist das A und O. Wichtig ist, dass die VerbÀnde auch etwas bewirken möchten und die PrioritÀt des Themas Nachhaltigkeit entsprechend hoch oben verankert ist. Bei den Vereinen sind die Möglichkeiten, bei denen sie selber Einfluss nehmen können, oftmals beschrÀnkt; beispielsweise bei der Hallenbewirtschaftung, die oftmals von den Gemeinden geregelt wird.
 

Was gilt es bei einer Nachhaltigkeitsstrategie aus deiner Sicht zu beachten?

Das Wichtigste ist, dass einem Engagement in diesem Bereich auf der strategischen Ebene eines Vereines oder Verbandes genĂŒgend Gewichtung gegeben wird und nicht nur eine Marketingabsicht dahintersteckt. Sonst besteht schnell die Gefahr des «Greenwashing»-Verdachts. Es mĂŒssen zudem genĂŒgend Ressourcen zur VerfĂŒgung gestellt werden, um sich diesem Thema ernsthaft annehmen zu können. Schliesslich mĂŒssen die Massnahmen aus dieser Strategie einfach anwend- und umsetzbar sein, weil ansonsten die Akzeptanz an der Basis fehlt. Sie mĂŒssen Sinn machen und der Erfolg sollte irgendwie sichtbar sein. Im Idealfall werden die Ziele und Massnahmen gemeinsam mit den verschiedenen Interessensgruppen einer Organisation definiert und erarbeitet. Das steigert die Akzeptanz und Motivation bei der Umsetzung.

Bieler setzten neue Standards

Einen grossen Schritt in Sachen Nachhaltigkeit machte man vor zehn Jahren auch bereits am Eidgenössischen Turnfest in Biel (ETF). Das ETF 2013 wollte in diesem Bereich neue Standards fĂŒr einen Anlass in dieser Grösse setzen und als Vorbild dienen. So nutzte das ETF in Biel zu 100 Prozent zertifizierten Ökostrom. Über 90 Prozent der Teilnehmenden reisten mit dem öffentlichen Verkehr an und nahezu 100 Prozent der Infrastrukturen wurden wiederverwendet. In Aarau beschloss man 2019 die bewĂ€hrten Massnahmen in Sachen Nachhaltigkeit von Biel zu ĂŒbernehmen. Am ETF 2019 lagen die Schwerpunkte des Nachhaltigkeitskonzeptes im Bereich der Abfallbewirtschaftung und Mehrweg-Thematik. Aus dem ETF-Schlussbericht geht hervor, dass die gesetzten Ziele mehrheitlich auch erreicht wurden.

Sarina Sigg, Priska Steiger und MichĂšle Geniets vom KTF Wyland 2023 betonen abschliessend: «Unser Ziel war es in allen drei Bereichen der Nachhaltigkeit und in allen Ressorts noch einen Schritt weiterzudenken als die letzten Turnfeste. Wir haben das getan, was in unserem Ermessen möglich war.» FĂŒr nachfolgende Feste gibt Sigg mit auf den Weg, möglichst frĂŒh mit der Nachhaltigkeitsplanung anzufangen. «Je frĂŒher alle miteinbezogen werden, umso mehr wird der Nachhaltigkeitsgedanke wĂ€hrend der Erarbeitung des Turnfestes gelebt.» Die verschiedenen Turnfeste haben gezeigt, dass durch den Sport umweltvertrĂ€gliches Handeln gefördert werden kann. Dieses Potenzial gilt es auch gemĂ€ss den «Swiss Olympic»-Commitments zu nutzen. Wenn der Sport die Umwelt schĂŒtzt, gewinnen am Ende beide.


Die sieben Commitments «Sport schĂŒtzt Umwelt»

Swiss Olympic hat zusammen mit den teilnehmenden MitgliedsverbĂ€nden und Partnerorganisationen das Engagement «Sport schĂŒtzt Umwelt» lanciert. Das Engagement besteht aus sieben Commitments, bei welchen der Sport den grössten Einfluss hat. Sie sollten die Grundlage einer zukunftsorientierten, nachhaltigen Sportförderung bilden.

1. Wir informieren

und motivieren unsere Mitglieder und Sporttreibenden zu umweltbewusstem Sportverhalten und bieten entsprechende UnterstĂŒtzung.

2. Wir setzen uns ein

fĂŒr dem Sport zugĂ€ngliche, vielfĂ€ltige NaturrĂ€ume, Naherholungsgebiete und umweltfreundliche Sportanlagen. Wir schonen die Umwelt durch rĂŒcksichtsvolles Verhalten, angepasste Wegwahl oder durch das Meiden empfindlicher Gebiete beim Sporttreiben. Sportanlagen bauen wir energieeffizient und umweltvertrĂ€glich nach Nachhaltigkeitsstandards (z.B. Minergie, BREEAM, LEED). Beim Nutzen von Anlagen minimieren wir den Energie- und Ressourcenverbrauch.

3. Wir fördern

die positiven Auswirkungen des Sports auf die Umwelt. Insbesondere fördern wir die BiodiversitĂ€t und NaturrĂ€ume, wo sie unserem Sport zugĂ€nglich sind. DafĂŒr wird die Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen angestrebt.

4. Wir ergreifen

eigene Massnahmen zum Klimaschutz und reduzieren die Treibhausgasemissionen unserer VerbandsaktivitĂ€ten kontinuierlich. Als Organisation verfolgen wir ein Netto-Null-Ziel bis 2050. Wir unterstĂŒtzen unsere Mitglieder, Vereine und Sporttreibenden in der Reduktion ihres CO2-Fussabdrucks im Sport.

5. Wir beschaffen

Materialien, Bekleidung und SportgerÀte nach international anerkannten, nachhaltigen Kriterien (gemÀss den Good-Practice Empfehlungen der Wissensplattform nachhaltige öffentliche Beschaffung) und halten unsere Mitglieder dazu an, dasselbe zu tun.

6. Wir fĂŒhren

unsere Veranstaltungen nachhaltig durch. DafĂŒr orientieren wir uns an den Empfehlungen von «saubere veranstaltung». Sportevents ab 300 Personen kommunizieren ihre Massnahmen mit einem Event-Profil oder vergleichbaren Mitteln.

7. Wir evaluieren

unsere Anstrengungen im Umweltschutz regelmĂ€ssig, kommunizieren diese transparent an die Öffentlichkeit und verbessern uns stetig. Wir beschaffen fehlende Informationen ĂŒber Sport und Umwelt, wo WissenslĂŒcken bestehen. Wir tauschen uns regelmĂ€ssig aus und geben unsere Erfahrungen weiter.

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