Offener Brief des Zentralpräsidenten

5. November 2020

An die Mitglieder des Schweizerischen Turnverbandes.

Liebe Turnerinnen und Turner

Der Schweizerische Turnverband sieht sich seit geraumer Zeit mit Vorwürfen bezüglich ethischer Verstösse im Trainingsbetrieb und der Trainingsmethodik im Bereich der Nationalkader konfrontiert. Wir nehmen diese Vorwürfe äusserst ernst. Wir haben grossen Respekt vor den Athletinnen, welche den Mut hatten, den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen und über ihre persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Wir gehen den Hinweisen mittels unabhängiger Untersuchung der Rhythmischen Gymnastik und bei den Vorwürfen zweier Kunstturnerinnen durch die neu geschaffene Ethikkommission nach.

Wir müssen die Thematik jedoch ganzheitlich angehen. Es ist uns bewusst: Wir müssen über die Bücher. Jetzt.

Zuerst werden wir in den kommenden Wochen eine ausführliche Bestandesaufnahme vornehmen und ein umfassendes Gesamtbild erstellen. Dazu müssen wir einerseits die Ergebnisse der Untersuchung der Rhythmischen Gymnastik und der Vorwürfe im Kunstturnen der Frauen kennen und analysieren. Andererseits werden wir den Dialog mit aktiven und ehemaligen Athletinnen und Athleten suchen. Wir wollen ihnen zuhören und sie verstehen.

Folgende vier Massnahmen stehen in dieser Phase im Fokus:

  1. Wir suchen den verstärkten Dialog mit aktiven und ehemaligen Turnerinnen und Turnern. Wir werden dazu Plattformen für Gespräche schaffen, in denen uns Athletinnen und Athleten ihre unterschiedlichen, persönlichen Erfahrungen und ihre Kritik äussern können.
  2. Die externe Untersuchung der Rhythmischen Gymnastik durch Pachmann Rechtsanwälte. Diese prüft einerseits die geäusserten Vorwürfe. Andererseits aber prüft sie auch allgemein die Strukturen und Zielsetzungen in der Rhythmischen Gymnastik.
  3. Prüfung der Vorwürfe zweier Kunstturnerinnen durch die unabhängige Ethik-Kommission.
  4. Weiter haben Athletinnen und Athleten, die sich zu Fehlverhalten oder Missständen äussern wollen, die Möglichkeit, sich an die STV-Meldestelle, an die neue Ethik-Kommission oder an die internationale «Gymnastics Ethics Foundation» zu wenden.


Diese Bestandesaufnahme wird das Fundament für die weiteren Massnahmen bilden. Für die unmittelbare Zukunft sind insbesondere nachfolgende Schwerpunkte geplant:

  1. Wir werden weiter in die aktive Betreuung der Athletinnen und Athleten investieren. Wir werden die Turnerinnen und Turner, wie auch den Trainingsbetrieb enger begleiten.
  2. Wir lancieren regelmässige und obligatorische Kurse und Weiterbildungen für Trainer, Betreuungspersonen und Funktionäre im Themenumfeld von ethischen Werten, Verantwortung und Respekt.
  3. Wir führen regelmässigen Dialog mit unseren Athletinnen und Athleten.
  4. Wir starten eine Sensibilisierungs- und Informationskampagne für Athletinnen und Athleten, sowie deren Eltern. Sie müssen ihre Rechte kennen und wissen, an welche Personen und Stellen – innerhalb und/oder ausserhalb des Schweizerischen Turnverbandes – sie sich bei Sorgen und Problemen wenden können.
  5. Wir überarbeiten die Vereinbarungen mit Athletinnen und Athleten, Trainerinnen und Trainern sowie mit den Regionalen Leistungszentren.
  6. Wir verstärken den Dialog mit unseren Mitgliederverbänden sowie den Regionalen und Kantonalen Trainingszentren.
  7. Wir arbeiten für die Erarbeitung und Umsetzung der verschiedenen Massnahmen mit externen Fachpersonen zusammen.
  8. Mit der vor kurzem gewählten Ethik-Kommission werden unsere Turnerinnen und Turner eine neue, unabhängige Meldestelle haben.
  9. Wir kreieren einen Schweizer Weg für den Spitzensport im Schweizer Turnen.


Einige dieser Massnahmen werden wir bereits vor Abschluss der Lagebeurteilung lancieren. Für gewisse Massnahmen ist es jedoch zwingend notwendig, die Untersuchung der Rhythmischen Gymnastik, die Prüfung der Ethik-Kommission sowie die Gespräche mit Athletinnen und Athleten abzuwarten.

Liebe Turnerinnen und Turner: Wir haben verstanden! Wir müssen handeln. Es ist an uns, die Ziele und Strukturen zu überdenken – zu hinterfragen – damit wir alles in unseren Kräften stehende tun können, um einen Kulturwandel herbeizuführen.

Spitzen- und Leistungssport ist bis zu einem gewissen Grad immer eine Gratwanderung. Es braucht starke Disziplin sowie Ausdauer, um zu reüssieren. Wir wollen Athletinnen und Athleten auf diesem Weg begleiten und wir wollen sie fördern und fordern, ohne sie jedoch zu überfordern. Es ist unser Ziel, einen dynamischen, erfolgreichen und sicheren Turnsport in einer von Respekt, Verantwortung und ethischen Werten getragenen Kultur zu fördern.

Wir fordern euch auf, diesen Weg mit uns zu gehen.
Vielen Dank für eure Mithilfe.

Erwin Grossenbacher
Zentralpräsident

Main Partner

Co-Partner

Partner