Jugend + Sport

Vom MilitĂ€r-Sport zum Erfolg fĂŒr alle

  • 17. MĂ€rz 2022

  • Thomas Ditzler

  • Archiv STV

Das weltweit einzigartige Förderprogamm «Jugend + Sport (J+S)» feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Vom MilitĂ€rischen Vorunterricht, dem einstigen VorgĂ€nger-Programm, hat sich J+S ĂŒber die Jahrzehnte zum grössten Sportförderprogramm des Bundes entwickelt.

– Anzeige –

Der 17. MĂ€rz 1972 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte des Schweizer Sports und der Sportförderung in unserem Land. Auslöser dafĂŒr waren mitunter die bislang ersten und einzigen medaillenlosen Winterspiele aus Schweizer Sicht 1964 in Innsbruck. Das Olympia-Fiasko hatte zur Folge, dass die Sportförderung in der Schweiz ĂŒberdacht wurde. Bis dato waren fĂŒr den militĂ€rischen Vorunterricht nĂ€mlich nur jugendliche MĂ€nner ab 16 Jahren zugelassen. Dieser war auf die körperliche ErtĂŒchtigung und auf den MilitĂ€rdienst zugeschnitten. 

Drei Sportlektionen eingefĂŒhrt

Mit der Genehmigung des Verfassungsartikels durch das Schweizer Stimmvolk ĂŒber Turnen und Sport im Jahr 1971 begann der Aufbau von «Jugend + Sport (J+S)» als Nachfolgeorganisation. Die Inkraftsetzung des Bundesgesetzes ĂŒber die Förderung von Turnen und Sport vom 17. MĂ€rz 1972 gilt somit als eigentliche Geburtsstunde von J+S. Die neue Organisation setzte sich zudem zum Ziel, Kinder und Jugendliche schon frĂŒh fĂŒr den Sport zu begeistern. So durften bei J+S MĂ€dchen und Knaben bereits ab 14 Jahren teilnehmen. Gleichzeitig wurde mit dem Gesetz an den Schulen drei Lektionen Sportunterricht pro Woche sowohl fĂŒr Jungen als auch fĂŒr MĂ€dchen eingefĂŒhrt.  

Im Laufe der Jahre wurde das J+S-Angebot auf immer jĂŒngere Kinder angepasst und ausgeweitet. 1994 wurden Sportangebote fĂŒr Kinder ab zehn Jahren unterstĂŒtzt. Seit 2007 gar bereits ab fĂŒnf Jahren. In der ersten Phase stand bei J+S die reine Sportvermittlung im Zentrum. «Heute geht es in der Ausbildung um viel mehr», sagt Christoph Lauener, Leiter Kommunikation beim Bundesamt fĂŒr Sport (BASPO). Die ganzheitliche Förderung von Kindern und Jugendlichen und das UnterstĂŒtzen der Persönlichkeitsentwicklung ist ein wichtiger Bestandteil. 

Von 18 auf 85 Sportarten

J+S erlebte ĂŒber die Jahrzehnte auch eine Ausweitung auf die Einbindung von immer mehr verschiedener Sportarten. Zu den Pionieren 1972 gehörte unter anderem das GerĂ€te- und Kunstturnen, die Leichtathletik, Wandern, Fussball oder Fitnesstraining. Letzteres wurde 1991 in Turnen und Fitness umbenannt, ehe es 1994 aufgeteilt wurde und die Bezeichnungen Turnen und Polysport erhielt. Weitere STV-Sportarten wie Gymnastik (1976), Nationalturnen (1980), Trampolin (1998), Korbball, Faustball, Rhönrad (alle 2002) und Rhythmische Gymnastik (2005) folgten spĂ€ter.  

Als jĂŒngste STV-Sportarten wurden im vergangenen Jahr Parkour und Akrobatik bei J+S aufgenommen. War man im GrĂŒndungsjahr mit 18 Sportarten gestartet, sind es mittlerweile 85 Sportarten, die das Gesicht und die Vielfalt von «Jugend + Sport» prĂ€gen. 

Praktisch jeder, der im Sport eine Leitungsfunktion hat, hat eine J+S-Ausbildung durchlaufen.
Christoph Lauener BASPO

115 Millionen Franken pro Jahr

Auch in finanzieller Sicht hat J+S markant an Bedeutung gewonnen. Erhielt das Förderprogramm in den AnfĂ€ngen rund 15 Millionen Franken Bundessubventionen, so sind es heute fast 115 Millionen Franken pro Jahr. «Jugend und Sport» prĂ€gt den Schweizer Sport auch hinsichtlich Ausbildung von Leiterinnen und Leitern. Pro Jahr werden rund 80'000 Personen aus- und weitergebildet. Diese geben wiederum ihr Wissen an Kinder und Jugendliche weiter. «Praktisch jeder und jede, die im Schweizer Sport eine Leitungsfunktion hat, hat eine J+S-Ausbildung durchlaufen», freut sich Christoph Lauener.  

Insgesamt werden so jedes Jahr mehr als 600'000 Kinder und Jugendliche mit dem J+S-Sportangebot erreicht, rechnet Lauener vor: «J+S leistet damit ein flĂ€chendeckendes Wirken fĂŒr eine gesunden Bevölkerung.» Im Schnitt sind es ĂŒber die gesamte J+S-Altersspanne rund die HĂ€lfte aller Schweizer Kinder, die von «Jugend und Sport» erreicht werden. «Bei den Jugendlichen zwischen 11 und 14 Jahren sind es gar bis zu 80 Prozent», so Lauener. 

Ein wichtiger Erfolgsfaktor von J+S ist auch die grosse Akzeptanz im Land, nicht zuletzt auch in der Politik. Die enge Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Sport und JugendverbĂ€nden habe sich bestens bewĂ€hrt, sagt Lauener. Ein stabiles Netzwerk ist entstanden, das von der Arbeit zahlloser ehrenamtlichen Leitenden und Experten gestĂŒtzt wird. «J+S ist ein klassisches Föderalismusprodukt», so Christoph Lauener. 

J+S ist ein klassisches Föderalismusprodukt.
Christoph Lauener BASPO

Organisation ins Zentrum gestellt

Dass «Jugend und Sport» bereits ĂŒber fĂŒnf Jahrzehnte erfolgreich ist, hat auch mit der stetigen Weiterentwicklung zu tun. Neben der bereits erwĂ€hnten Ausweitung der Altersgrenze und dem Einbinden von neuen Sportarten ist ein weiterer Meilenstein auf das Projekt «J+S 2000» zurĂŒckzufĂŒhren. «In den AnfĂ€ngen stand die Leiterperson im Zentrum. Mit dem Projekt 2000 wurde die Organisation ins Zentrum gestellt und subventioniert», erzĂ€hlt Lauener und ergĂ€nzt, «Steuergelder gehen seither direkt dorthin, wo der Sport stattfindet, nĂ€mlich in die Sportvereine, Jugendorganisationen und Schulen.» Zudem ĂŒbernahmen die nationalen Sport- und JugendverbĂ€nde als Dachorganisationen der Vereine mehr Verantwortung im J+S-Netzwerk. So werden beispielsweise Turn-Sportarten gemĂ€ss den Vorgaben ĂŒber den Schweizerischen Turnverband (STV) weiterentwickelt (mehr dazu auf Seite 16/17).  

Im Rahmen des «Projekt 2000» wurde auch die erste nationale Datenbank fĂŒr Sport als administratives RĂŒckgrat von J+S aufgebaut. Diese Datenbank wird Ende dieses Jahres durch eine neue, modernere abgelöst.  

Ehrenamt weiter stĂŒtzen

Damit das Sportförderprogramm auch ĂŒber sein JubilĂ€um hinaus attraktiv bleibt, strebe man fĂŒr die nĂ€here Zukunft zwei Hauptziele an, so Lauener: «Erstens möchten wir noch mehr Kinder und Jugendliche mit J+S erreichen. Zweitens wollen wir das System sowohl administrativ als auch organisatorisch vereinfachen.» Damit soll vor allem das Ehrenamt, welches nach wie vor einen sehr grossen Anteil von «Jugend und Sport» ausmacht, gestĂŒtzt werden. «J+S wird sich weiter entlang der gesellschaftlichen Entwicklung bewegen», sagt Lauener. Dazu gehört auch die Umsetzung der geplanten Agenda «J+S 2025». 

Weltweit einzigartig

Dass der Staat Steuergelder fĂŒr die Allgemeinheit, im Beispiel von «Jugend und Sport» insbesondere fĂŒr die Kinder und Jugendlichen im Breitensport, investiert ist weltweit einzigartig. Hier liegt der grosse Unterschied – der breiten Basis. Den Kindern wird damit ermöglicht, ĂŒberhaupt Sport zu betreiben – egal in welcher Ausrichtung. In anderen LĂ€ndern fliessen, wenn ĂŒberhaupt, nur Gelder in die Nachwuchsförderung im Leistungssport/Spitzensport. Der Rest muss privat berappt werden. Da die Gelder in der Schweiz in die Gesamtheit fliessen, haben Kinder und Jugendliche Chancengleichheit, dass sie in Sportarten reinkommen, die Minderbemittelte in anderen LĂ€ndern gar nicht ausĂŒben können.

Interview Jean-Louis Borella

Mehr Einfachheit

Jean-Louis Borella (83, Sion) ist der Àlteste noch aktive J+S-Experte im Turnsport.
 

Jean-Louis Borella, wie wichtig ist J+S?

Jean-Louis Borella: J+S bietet regelmĂ€ssig viele Kurse an. Einige Sportarten haben ihr Kursangebot im Laufe der Jahre weiterentwickelt, aber im Turnen war das nicht der Fall, da es bereits genĂŒgend Kurse gab. Wichtig ist auch der finanzielle Aspekt, denn J+S bringt Geld. 
 

Was sind die StÀrken von J+S?

Das Förderprogramm des Bundes garantiert das langfristige Überleben des Sports. Der Zugang zur Infrastruktur von Magglingen und den verschiedenen Zentren ist ebenfalls ein grosses Plus. 
 

Wie sehen Sie die Zukunft von J+S?

Ich hoffe, dass J+S in Zukunft praxisorientierter wird, insbesondere bei den Grundkursen. Das Ganze sollte vereinfacht werden. Den Fachleuten ist nicht richtig bewusst, dass es fĂŒr die meisten Kursteilnehmenden schwierig ist, ihre Theorien zu verstehen, die alle drei bis vier Jahre Ă€ndern. Es gibt Grundlagen, die mehrfach erklĂ€rt werden mĂŒssen. Meiner Meinung ist es nicht nötig, jedes Mal das gesamte Konzept zu Ă€ndern, wenn eine neue Person die Leitung ĂŒbernimmt. 

Interview: Emilie Lambiel

Jean-Louis Borella

Co-Partner

Partner

SCHLIESSEN