«Wir lassen uns nicht aufhalten»

28. Dezember 2020

Magnesiageschwängerte Luft und emotionale Momente sind im Turnsport normalerweise allgegenwärtig. Im Herbst, in dem sonst praktisch jedes Wochenende eine Schweizer Meisterschaft stattfindet, blieben dieses Jahr die Turngeräte verstaut und die Tribünen leer. Welchen Einfluss hat die Situation auf die Motivation der Turnenden und Funktionäre?

Die 34-jährige Nicole Mattli (TV Grüningen) erlebt 2020 ihre erste Saison ohne Wettkämpfe. 1994 hatte sie ihren ersten Geräteturn-Wettkampf bestritten und seit 1997 an jeder Schweizer Meisterschaft teilgenommen. Allerdings trifft sie die jetzige Situation nicht allzu hart. Die Zürcherin laboriert seit Dezem- ber 2019 an einer Schulterverletzung. «Ich musste eine längere Trainingspause einlegen. Dieses Jahr hätte ich auch ohne Corona keine Wettkämpfe bestreiten können», erklärt Mattli. «Ich vermisse aber das Zusammenkommen mit den Turnenden und den Vereinen», so die Zürcherin.
Ähnlich sieht es auch Stéphane Détraz (FSG Morges), Schweizer Vizemeister im Geräteturnen von 2019: «Man musste neue Wege finden, um sich in Form zu halten. Am Anfang war das aufregend und alle nutzten ihre Fantasie. Mir fehlte aber ziemlich schnell das Adrenalin und der soziale Kontakt zu den Trainingskollegen», sagt der Waadtländer. Umso mehr freute er sich, als der Verein im Juni 2020 wieder in die Halle durfte. «Es war schön, vor der Sommerpause noch ein paar Mal an den Geräten turnen zu können. Dies war nach drei Monaten Unterbruch ziemlich schwierig», erzählt Détraz. Leider musste dann kurz nach dem Trainingsstart im September wegen der zweiten Corona-Welle alles wieder gestoppt werden.

An den Erinnerungen zehren
An der Euphorie vom vergangenen Jahr zehren kann die SFG Bellinzona. «Wir ‹feiern› jedes Mal, wenn wir daran denken, welches Glück wir hatten, dass wir die Organisation der Schweizer Meisterschaften Jugend 2019 vor Ausbruch der Pandemie abschliessen konnten», äussert sich Vereinspräsident Andrea Del Curto. Die erzeugte Begeisterung habe die Beziehungen des Vorstandes mit den Turnenden weiter gefestigt. «Das hat sich auch während des Lockdowns positiv ausgewirkt», so Del Curto weiter. Der Vereinsvorstand habe die Zeit genutzt, um die Webseite zu überarbeiten und um Veranstaltungen im Frühling und Sommer 2021 zu planen. Dies um den 160. Geburtstag des Vereins und 100 Jahre seit der Grundsteinlegung ihrer Turnhalle zu feiern. «Wir bleiben enthusiastisch. Das Virus beeinträchtigt, aber es wird uns nicht aufhalten können», geben sich die SFG-Bellinzona-Turnenden kämpferisch.

Um die momentane Leere zu füllen, hilft es, in schönen Erinnerungen zu schwelgen.

Motivation wird zurückkehren
Mit Jahrgang 1986 gehört Nicole Mattli zu den älteren Wettkämpferinnen im Einzelgeräteturnen. Ob und wie sie nach ihrer Verletzungspause und der Corona-Pandemie weitermacht, weiss sie noch nicht. «Die Freude am Turnen ist nach wie vor da. Es kommt darauf an, wie mein Körper nächstes Jahr bereit ist», sagt die 34-Jährige. Auch, wenn sich ihre Trainingsmotivation, vor allem wegen der Schmerzen, zurzeit in Grenzen halte, könne sie nicht ohne sein. Die Freude am Turnsport ist ungebrochen. «Diese lebe ich momentan als Leiterin aus. Die Kinder sind motiviert und geben dadurch sehr viel zurück. Das spornt auch mich an, am Ball zu bleiben», betont Mattli.
Auch Stéphane Détraz dachte viel über seine Motivation nach: «Ich hatte das Gefühl, dass diese abnimmt.» Mit seinen 30 Jahren gehe er nicht mehr jede Woche in die Turnhalle, um neue Elemente zu lernen. Vielmehr gehe es darum, das bisherige Können beizubehalten. «Sich dafür zu motivieren, ohne einen Wettkampf im Visier zu haben, fällt mir schwer», gibt der Turner zu. Da 2019 das beste Wettkampf-Jahr seines Lebens war, mache es noch zusätzlich schwer. «Aber wenn man wieder wettkampfmässig turnen darf, wird auch die Motivation zurückkehren», zeigt sich Détraz zuversichtlich.


Text: Alexandra Herzog
Fotos: Archiv STV / Peter Friedli

Diesen Beitrag findet ihr auch im GYMlive 6/2020.





Main Partner

Co-Partner

Partner