Hallenbau: Ein nicht alltägliches Projekt

16. Juni 2020

Nur selten kommt man als Turnerin oder Turner in den Genuss, an einem Hallenbau-Projekt mitwirken zu dürfen. Sich als Verein jedoch aktiv mit dem Projekt auseinanderzusetzen, kann viele Vorteile mit sich bringen.

Ein Blick in die Statistik zeigt: In der Schweiz gibt es rund 6700 Turn- und Sporthallen. Die meisten davon wurden in den 1970er Jahren errichtet. Damals war Energie kaum ein Thema, die Dämmung dementsprechend schlecht/dürftig und die Sensibilisierung für Unfall-Fallen im Sportbereich steckte noch in den Kinderschuhen. Mit einer Lebensdauer von durchschnittlich 50 Jahren sind viele Sportstätten renovationsbedürftig oder müssen gar durch Neubauten ersetzt werden.


Die erste Herausforderung ist also bereits gegeben: Neu bauen oder sanieren? Bei einer Sanierung muss der aktuelle Zustand genau bekannt sein. Problembereiche sind etwa die ungenügende Erdbebensicherheit, ein Tragwerk, welches nicht mehr den Normen entspricht oder die nicht vorhandene Barrierefreiheit. Für einen Neubau spricht meist die Tatsache, dass sich dieser von Grund auf planen lässt. Man kann jedoch festhalten: Beide Optionen sind grosse Herausforderungen und müssen dementsprechend gut geplant werden.


Ideen und Wünsche unbedingt einbringen

Am Anfang jedes Bauprojektes sollte eine Bestandes- und Bedarfsanalyse stehen. Denn in vielen Fällen ändert sich über die Jahrzehnte, die Art der Nutzung und die damit verbundenen Ansprüche der Hallenbenutzer. Abmessungen entsprechen nicht mehr den Reglementen, das Angebot an Nebenräumen deckt nicht mehr den Bedarf, etc. Bei Neubauten auf Gemeindeebene ist es gerade deshalb für Vereine wichtig, am Planungstisch zu sitzen und ein Mitspracherecht für eine multifunktionale Nutzung der Halle einzufordern. Die Fragen, welche sich Vereine stellen sollten, sind vielfältig. Kleine Inputs wie «Gibt es Platz für einen Fahnenkasten» oder «In welchem Raum bringen wir unser Vereinsarchiv unter» sind genauso wichtig wie finanziell grössere Überlegungen einer Industrieküche, einer Bühne für Veranstaltungen, eines Fitnessraums mit Cardio-Geräten oder der Einbau einer Tribüne. Vereine sollten sich einen Überblick über ihre bisherigen und möglichen zukünftigen Anlässe verschaffen. Bringen wir alle Anlässe in der neuen Halle unter? Stimmen die Abläufe für unseren Trainings- und Veranstaltungsbetrieb? Die Erfahrung zeigt: Alles was in der ersten Phase der Planung nicht an- und eingebracht wird, kommt aus finanziellen Gründen später nicht zur Umsetzung.


Die eigentliche Planung überlässt man besser den Profis

Die Anforderungen an das Bauen werden immer umfangreicher. Dies gilt auch für den Sporthallenbau. Da es sich bei Sportanlagen um Spezialimmobilien handelt, empfiehlt es sich, die Architekturleistungen und das Projektmanagement extern zu vergeben. Es gibt Rahmenbedingungen und Richtpläne des Bundes, kantonale und kommunale Bauvorschriften, Sicherheitsempfehlungen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (rund 80'000 Hallen-Sportunfälle pro Jahr belegen deren Wichtigkeit), Richtlinien für behindertengerechtes Bauen und Vorschriften zum Brandschutz – um nur einige Punkte zu nennen. Fazit: Für den Laien sind die gesetzlichen Grundlagen und die damit verbundenen Stolpersteine kaum überschaubar. Als gutes Mittel haben sich Architektur-Wettbewerbsverfahren bewährt. Solche Verfahren bieten die Möglichkeit zur Auswahl verschiedenster Lösungsansätze.


Geld spielt immer eine Rolle

Gemäss dem Bundesamt für Sport (BASPO) gibt es grobe Richtwerte für die Erstellungskosten von reinen Sporthallen. So werden für eine Einfachhalle rund vier Millionen, für eine Doppelhalle rund sieben Millionen und für eine Dreifachhalle gute neun Millionen Schweizer Franken veranschlagt. In dieser Berechnung nicht berücksichtigt sind die Kosten für den Baulanderwerb. Natürlich fliessen vielerlei Faktoren in die Kostenkalkulation ein. Die Lage, der architektonische Anspruch, der Ausbaustandard und die Umsetzung der Nachhaltigkeitsthemen können die Kosten erheblich steigen lassen.


Die Finanzierung von Sportanlagen reicht von privaten über gemischtwirtschaftliche bis hin zu staatlichen Finanzierungslösungen. Baut die Gemeinde eine Sporthalle ist die Finanzierung gegeben. Bund und Kantone leisten ihre Beiträge zur Erstellung von Anlagen für den Schulsport. Der übrige Betrag finanziert sich über den entsprechenden Finanzhaushalt der Gemeinde. Doch wie sieht es aus, wenn ein Verein oder ein Verband eine Halle bauen lässt? Sportanlagen von nationaler Bedeutung können – unter Auflagen – Beiträge aus dem Nationalen Sportanlagenkonzept (NASAK) einfordern. Weiter spricht die Sport-Toto-Gesellschaft (in der Deutschschweiz Swisslos) finanzielle Unterstützung an Sportanlagen aus den jeweiligen kantonalen Sportfonds. Die Sponsorensuche auf privatwirtschaftlicher Ebene, sowie Crowdfunding sind weitere Möglichkeiten, ein Neubauprojekt teilweise zu finanzieren. Dennoch wird man im jeweiligen Finanzkonzept nicht um «a fonds-perdu» Beiträge, zinsfreie Kredite oder gar Hypotheken herumkommen. Um die finanzielle Sicherheit des Verbandes oder des Vereines zu gewährleisten, lohnt sich meist die Gründung einer separaten Trägergesellschaft.


Drei Turn-Projekte im Fokus

In Kürze darf die Kunstturnerjugend der Südostschweiz ihre neue Heimat – eine 1'300 m2 grosse Industriehalle in Mels – beziehen. Auf Grund einer Schulraumerweiterung musste das bisherige kantonale Trainingszentrum in Maienfeld aufgegeben werden. Für den Betrieb und die Finanzierung wurde eigens ein Verein gegründet. Dieser hat die neue Halle gemietet und umgebaut. Die jahrelange Platznot findet so endlich ein Ende. Die Investitionen in das Projekt Hallenumbau belaufen sich auf rund 950'000 Schweizer Franken. Via Crowdfunding kamen über 100'000 Franken zusammen.


Eine ähnliche Ausgangslage gibt es zurzeit im Kanton Aargau. Der Mietvertrag für das bestehende Turnzentrum in Niederlenz läuft Ende 2021 aus und das Gebäude wird abgerissen. Der Aargauer Turnverband (ATV) und seine Delegiertenversammlung haben sich für einen Multifunktions-Neubau in Lenzburg entschieden, welcher rund 12,5 Millionen kosten wird. Nebst der Trainingshalle finden auch ein Spiegelraum, Schulungsräume, Sportschule, Physiotherapie und die Geschäftsstelle des ATV Platz im Neubau. Somit profitiert nebst dem Spitzen- auch der Breitensport von der künftigen Infrastruktur. Für die Planung und Realisierung hat der Aargauer Turnverband die «Turnzentrum Aargau GmbH» gegründet. So ist der Verband finanziell abgesichert und die finanzielle Situation des Turnzentrums beeinflusst diejenige des ATV nicht. Um möglichst viel der Bausumme selbst aufbringen zu können, lancierte man auch in diesem Projekt ein Crowdfunding. Die Sammelaktion läuft noch und freut sich über jeden Beitrag.


Auf Grund stetig steigender Anforderungen an die Infrastruktur im Leistungssport, geht man in der Region Zürich noch einen Schritt weiter. Der Zürcher Turnverband (ZTV) und der Regionalverband Zürich Tennis (RVZT) spannen zusammen und werden – in der Nähe des Flugplatzes Dübendorf – gemeinsam ein grosses Sportzentrum realisieren. Wesentlicher Treiber des Zentrums sind auch die Standortgemeinden Dübendorf und Wangen-Brüttisellen, denn der Bedarf der lokalen Vereine an moderner Sportinfrastruktur ist enorm. Die Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Hand und zwei namhaften Sportverbänden führt so zu einer Win-Win-Situation. Für rund 45 Millionen Schweizer Franken entstehen zwei 3-fach-Turnhallen, vier Indoor- und vier Outdoor-Tennisplätze, vier Leistungssporthallen, diverse Kraft- und Konditionsräume sowie die Büroräumlichkeiten der beiden Geschäftsstellen. Dank diversen Ankermietern soll das Projekt auch finanziell breit abgestützt werden. Mittels Crowdfunding in der Höhe von ca. 300'000 Franken, möchte man die neusten gelenkschonenden Hallenböden und eine elektronische Trainingsüberwachung finanzieren. Rechtlich ist auch hier die Bauherrschaft von den Verbänden abgekoppelt. Beide Verbände sind jeweils zu 50% an der Sportzentrum Dürrbach AG beteiligt.


Interessante Webseiten zum Thema

Es lohnt sich ein Blick auf folgende Internetseiten:


Diesen Beitrag findet ihr auch im GYMlive 3/2020.
Fotos: zvg

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