«Sport», «Light» oder «Standard»

18. Dezember 2020

Mit Gewissheit kann man sagen: Der Turnfest-Sommer 2021 wird speziell. Dennoch wird er uns hoffentlich positiver in Erinnerung bleiben als derjenige des Jahres 2020. Den Organisationskomitees wird viel abverlangt. GYMlive gibt einen Überblick über die grössten Herausforderungen, die aktuellen Risiken sowie die möglichen Durchführungs-Varianten.

Ein «normales» Turnfest zu organisieren ist bereits eine grosse Herausforderung. Doch wie plant man ein Turnfest, bei dem unklar ist, ob und wie es durchgeführt werden kann? Die Antwort lautet wohl: Mit noch mehr Herzblut und einer gehörigen Portion Zuversicht! Nach der Durststrecke 2020 brauchen Vereine und deren Mitglieder wieder sportliche Ziele. Deshalb ermutigt der Schweizerische Turnverband (STV) alle Organisationskomitees dazu, ihre Anlässe im Jahr 2021 durchzuführen.

«Ein Jahr ohne Wettkämpfe ist bereits schwierig, 
ein zweites Jahr wäre für viele Vereine fatal.»
Jérôme Hübscher, Chef Breitensport beim STV.

Der STV hilft wo er kann. So hat er drei Versionen erarbeitet, wie ein Turnfest im Jahr 2021 aussehen könnte (s. Box unten). Mit allen Eventualitäten planen zu müssen, ist für die Organisatoren eine Herkules-Aufgabe. Die meisten haben sich deshalb auf die Planung von zwei Varianten geeinigt. Es gibt diejenigen, welche mit «Light» und «Sport» planen, da sie nicht glauben, dass die Variante «Standard» realisierbar ist. Viele planen mit den Varianten «Standard» und «Sport», da die Variante «Light» in der Umsetzung mit höheren Kosten – wie zusätzliches Personal und vielen baulichen Massnahmen – verbunden und deshalb finanziell nur schwierig tragbar wäre. Die Unsicherheit wiegt in diesen Zeiten schwer. Dennoch ist die Stimmung grundsätzlich positiv. Die Organisatoren sind gewillt ihre Feste durchzuführen.

Solidarität mehr denn je gefragt
Die grösste Herausforderung, mit der sich die Organisationskomitees konfrontiert sehen, sind die finanziellen Folgen. Normalerweise wird ein Turnfest organisiert, um die Vereinskasse aufzubessern. In der aktuellen Situation dürfte vielerorts eine «schwarze Null» oder im besten Fall ein kleiner Gewinn in Aussicht gestellt werden. Dies aufgrund des höheren Aufwandes und des Wegbrechens von Einnahmen. Dank dem Stabilisierungspaket des Bundes kann ein allfälliges Defizit abgefedert werden. «Momentan ist es den Organisatoren wichtig die Gewissheit zu haben, keinen Verlust erwarten zu müssen» meint Jérôme Hübscher, Chef Breitensport beim STV. «Turnfeste finanzieren sich zu rund je einem Drittel aus Startgeldern, Sponsorenbeiträgen und Einnahmen aus der Festwirtschaft. Brechen zwei davon teilweise weg, wird ein positives Finanzergebnis unwahrscheinlich.» In diesen speziellen Zeiten werden Turnfeste also weniger für die Vereinskasse als für die sportlichen Ziele der Turnenden organisiert. Ein Solidaritätsprojekt für den Turnsport sozusagen.

Zur engen Begleitung der OKs hat der Schweizerische Turnverband die «Taskforce Turnfest» gegründet. Diese Plattform bietet den notwendigen Raum für einen regelmässigen Austausch mit und unter den Organisatoren. Der STV bietet mit adaptierbaren Schutzkonzepten weitere Hilfestellung. Auch bei rechtlichen und finanziellen Fragen versucht der Turnverband die lokalen Organisatoren bestmöglich zu informieren und zu unterstützen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Spätestens im März oder April 2021 werden die Organisatoren gezwungen sein, sich für eine Variante zu entscheiden. Ab diesem Zeitpunkt wechselt man von der Planungs- in die Realisierungsphase. Ab diesem Zeitpunkt steigen die Kosten für Vorleistungen massiv an. Die Organisationskomitees müssen für sich entscheiden, wie viel Risiko sie auf sich nehmen wollen. Denn Bund und Kantone können jederzeit – auch kurz vor dem Turnfest – die Corona-Bedingungen wieder verschärfen.

Dunkle Wolken im Hintergrund – Sonne im Gesicht. Wie wird der Turnfest-Sommer 2021?


Was bedeutet die Unsicherheit für die teilnehmenden Turnerinnen und Turner? Im schlimmsten Fall steht die Turnfest-Saison 2021 vor dem gleichen Problem wie jene 2020. Denn wenn zwar Veranstaltungen im Juni wieder möglich sind, Vereine aber aufgrund der Bundesbestimmungen bis in den April / Mai nicht trainieren können, machen Turnfeste wegen der erhöhten Verletzungsgefahr keinen Sinn. Weiter kann es sein, dass Turnfeste ihre Teilnehmerzahlen aufgrund von verschärften lokalen Bedingungen kurzfristig reduzieren müssen. Dafür gibt es keine einheitlichen Richtlinien, welche Vereine starten dürften und welche nicht. Zwei Lösungsvarianten sind aus STV-Sicht möglich: Entweder gemäss Zeitpunkt der Anmeldung oder – und das würde aus Pandemiegründen mehr Sinn ergeben – lokale Vereine erhalten den Zuschlag. Die genaue Umsetzung läge jedoch bei den Organisatoren. In beiden Fällen prüft der STV bereits Alternativen wie ein digitales Turnfest mit Online-Wertungsgericht, um den Turnfest-Sommer 2021 zu retten.

Abschliessend kann gesagt werden: Falls sich bis März/April 2021 die (Trainings-)Situation nicht bessert, steht ein weiterer karger Turnfest-Sommer bevor. Falls sich die Lage entschärft, ist zu hoffen, dass möglichst viele Turnfeste stattfinden können. Die Organisatoren geben mit viel Herzblut und Zuversicht ihr Bestes. Auf Seiten Turnerinnen und Turner braucht es jedoch genauso viel Flexibilität und Verständnis für die Situation.

Text: Marc Frey
Fotos: ETF 2019, Jürg Wolf




Übersicht der möglichen Turnfest-Varianten

  • Variante «Standard»: Turnfest wie bisher: Mit Zuschauer, Wettkämpfen, Bar- und Festbetrieb. Keine bis wenige Einschränkungen durch Corona-Bestimmungen.
  • Variante «Light»: Reduzierte Anzahl Zuschauer, normale Wettkämpfe, Verpflegung und Essensstände, angepasste Laufwege und Zugänge, Umsetzung der kantonalen Vorschriften mittels Schutzkonzept, sehr reduzierter oder gar kein Bar- und Festbetrieb, Geselliges soll auf Vereinsstufe jedoch Platz haben.
  • Variante «Sport»: Nur Wettkämpfe unter Einhaltung eines Schutzkonzeptes, keine Durchmischung der Vereine, keine Zuschauer, keine Verpflegung, kein Bar- oder Festbetrieb. Vereine reisen an, absolvieren ihren Wettkampf und reisen danach wieder ab.

Die jeweiligen Teilnehmer-Limiten bei allen drei Varianten obliegen den geltenden Corona-Vorschriften des Bundes sowie der Kantone. Nebst der Variante «Standard» sind bei der Variante «Sport» die grössten Teilnahmezahlen zu erwarten, da die Berührungspunkte mit anderen Teilnehmenden – zeitlich wie auch räumlich – sehr stark eingedämmt wären.


 
Übersicht der Turnfeste 2021


Bildlegende ganz oben: Blick nach vorne: Die Flexibilität ist bei den Organisationskomitees und den Teilnehmenden gleichermassen gefragt.

Diesen Beitrag findet ihr auch im GYMlive 6/2020.

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