Wettkampfbekleidung im Turnen ‚Äď schon gewusst?

  • 17. Mai 2023

  • Naomi Kempter

  • Peter Friedli / Martin Fr√∂hlich

Die Bekleidung im Kunstturnen Frauen war und ist nach wie vor ein Thema. Der STV hat sich im vergangenen Jahr damit auseinandergesetzt und nahm das nationale Wettkampfprogramm unter die Lupe. Da es auf internationaler Ebene in naher Zukunft mit grosser Wahrscheinlichkeit keine √Ąnderungen geben wird, haben wir uns f√ľr die M√∂glichkeit eingesetzt, an nationalen Wettk√§mpfen kurze Hosen zu tragen.

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¬ęPer 13. April 2022 wurde das nationale Wettkampfprogramm im Kunstturnen Frauen angepasst. Neu ist das Tragen von kurzen Hosen erlaubt.¬Ľ

Die reglementarischen Grundlagen stehen. Wir haben dar√ľber mit einer jungen Frau und zwei Kampfrichterinnen geredet.

Elenora Mangiarratti √ľber ihre Maturaarbeit

Mit der Thematik des Turnkleids war ich schon relativ fr√ľh konfrontiert. Ich fing mit neun Jahren mit dem Ger√§teturnen an und f√ľhlte ich mich mit der Zeit immer unwohler im Turnkleid. Ich achtete je l√§nger je mehr auf das, was ich gerade von meinem K√∂rper preisgab, als mich auf meine √úbung zu konzentrieren. Ich fragte mich schnell einmal, weshalb Jungs Turnhosen tragen d√ľrfen und wir M√§dchen nicht. In meinem Verein war im Ger√§te- sowie im Kunstturnen das Tragen von Turnhosen lange nicht erlaubt. Weil ich mehr √ľber dieses Thema wissen wollte, entschied ich mich, dar√ľber eine Maturaarbeit (¬ęSexismus im Turnen¬Ľ) zu schreiben. Danach war das Tragen von Turnhosen in meinem Verein auch f√ľr M√§dchen m√∂glich.

Ich war und bin der Meinung, dass die sportliche Leistung wichtiger ist als das √§sthetische Erscheinungsbild und dass eine Sportbekleidung schon gar nicht kontraproduktiv f√ľr die sportliche Leistung sein soll.

In meiner Maturaarbeit √ľber ¬ęSexismus im Turnsport¬Ľ in Bezug zur Bekleidung im Turnen befragte ich insgesamt 350 Personen, darunter Turnende, Eltern von Turnenden, Coaches, Wertungsrichterinnen und -richter, sowie Vereinsfunktion√§rinnen und -funktion√§re.

Ich war und bin der Meinung, dass die sportliche Leistung wichtiger ist als das ästhetische Erscheinungsbild.
Eleonora Mangiarratti

Zur Person

Name: Eleonora Mangiarratti
Alter: 17
Funktion: Aktive Geräteturnerin seit 9 Jahren (K6) im Gym Center Emme,
mehrfache Kantonalmeisterin

Die Ergebnisse zeigen, dass viele Turnerinnen zwar eine Steigerung der Motivation, der sportlichen Leistung und des Selbstbewusstseins erleben, sich aber mehrheitlich im Turnkleid unwohl oder unsicher f√ľhlen. Dieses Gef√ľhl der Unsicherheit und des Unwohlseins nimmt zu, wenn die Turnerinnen in die Pubert√§t kommen. Im Gegensatz zu den Turnerinnen f√ľhlt sich die Mehrheit der Turner wohler und sicherer. Sie tragen kurze oder lange Hosen zum Wettkampfdress.

Die Meinungen im Zusammenhang mit Sexismus und Bekleidung sind geteilt. Das Tragen des Wettkampfdresses der Frauen (ohne Hosen) wird bis heute mit Tradition und √Ąsthetik, aber aus meiner Sicht nur mit wenigen Argumenten, die den Sport betreffen begr√ľndet. Viele Turnerinnen w√ľnschen sich die M√∂glichkeit Turnhosen zu tragen und auch selbst √ľber die eigene Bekleidung zu entscheiden. Obwohl diverse Ver√§nderungen erfreulicherweise sichtbar sind, sei es in einzelnen Vereinen wie auch auf internationaler Ebene, bleibt das Thema im Turnsport aktuell.

Zwei Kampfrichterinnen erzählen

Anfang 2022 gab es punkto Bekleidungsvorschriften √Ąnderungen im Wettkampfprogramm Kunstturnen Frauen. Wie waren die Reaktionen bei den Kampfrichterinnen und -richtern?

Die Kampfrichterinnen und -richter haben die √Ąnderungen sehr gut aufgenommen, wichtig war jedoch auch die entsprechende Formulierung im Wettkampfprogramm Kunstturnen Frauen, dass die kurzen Hosen stoff- und farbgleich sind. Das ist ein wichtiger Aspekt, damit das Gesamtbild des Wettkampfdresses m√∂glichst √§sthetisch bleibt.
 

Folgende ¬ęMythen¬Ľ sind im Turnsport bekannt. Wie siehst du dies aus Sicht der Kampfrichterinnen und -richter im Kunstturnen Frauen? 

  1. ¬ęKurze H√∂sli machen kurze Beine¬Ľ und wirken deshalb nicht elegant. 

    Bei vielen Turnerinnen machen die kurzen Hosen eher k√ľrzere Beine und wirken daher oft weniger elegant. Hier ist die elegantere L√∂sung jene eines Unitards (Ganzk√∂rperanzug). Das Problem des Unitards ist jedoch, dass er ganz genau sitzen muss, da es ansonsten un√§sthetisch aussieht. Das stellt eine Schwierigkeit f√ľr Turnerinnen im Wachstum dar.
     
  2. √Ąsthetik versus Wohlbefinden der Athletinnen ‚Äď wie werden diese m√∂glicherweise gegens√§tzlichen Interessen gewichtet?

    Je nach Ger√§t macht die √Ąsthetik einen gr√∂sseren Teil der Bewertung aus (z.B. Boden und Balken), wohingegen dies am Barren einen weniger wichtigen Teil darstellt. Nat√ľrlich gibt es keinen Abzug, wenn eine Turnerin kurze Hosen tr√§gt. Bei den meisten widerspiegelt das Tragen der kurzen Hosen auch eine Gewohnheit aus dem Trainingsalltag. Dem Kampfgericht ist dennoch wichtig, dass der Unterschied zwischen Trainingsalltag und Wettkampf klar ersichtlich ist.

    Zudem zeigt die Erfahrung aus der letzten Wettkampfsaison, dass vor allem Turnerinnen in den Programmen P3/P4/P4A Höschen tragen, also im Alter zwischen 12 und 15 Jahren, in der Pubertät. Danach werden Höschen zwar noch getragen, die meisten Turnerinnen aber tragen nach wie vor die herkömmlichen Wettkampfdress.
     

  3. Lassen sich aus Sicht des Kampfgerichts Vor- respektive Nachteile bei der Bewertung verzeichnen, wenn eine Athletin kurze Hosen trägt?

    Grundsätzlich spielt die Bekleidung nicht in die Bewertung hinein, sofern die Umsetzung korrekt ist.
Turnerin mit Unitard

Ein Blick √ľber die Landesgrenze hinaus

Die Turnerinnen der deutschen Nationalmannschaft traten 2021 den Europameisterschaften in Basel und bei den Olympischen Spielen in Tokio erstmals im Ganzk√∂rperanzug an. Ein starkes und mutiges Zeichen gegen Sexualisierung im Sport und f√ľr die Selbstbestimmung von Frauen. Wir haben deshalb bei Eva Reinschmidt, Projektmitarbeiterin Pr√§vention und Intervention von Gewalt im Sport bez√ľglich der Positionierung des DTB in diesem Zusammenhang nachgefragt.

Turnsport ist gepr√§gt von Kraft, Ausdruck und √Ąsthetik. Das spiegeln nicht nur die Elemente und Posen wieder, sondern auch die Bekleidung. Enganliegend und gerade bei den Turnerinnen immer beinfrei. Zum Turnsport geh√∂ren aber auch Elemente, in denen die Athletinnen ihre Beine spreizen oder gr√§tschen, was gerade in den kurz geschnittenen Turnanz√ľgen bei M√§dchen und Frauen zu einem Gef√ľhl des Unwohlseins f√ľhren kann, darin waren sich die Beteiligten aus der Sportpraxis einig. 
Der Sport und auch das Turnen in seiner Vielfalt sollen Orte sein, an denen sich die Athletinnen zu jederzeit in ihrer Bekleidung wohlf√ľhlen sollen. Dies ist dem DTB, wie auch das physische und psychische Wohlbefinden von Athletinnen und Athleten im Turnsport grunds√§tzlich, ein sehr wichtiges Anliegen.

¬ęAls Teil der deutschen Turn-Nationalmannschaft sind wir f√ľr viele j√ľngere Sportlerinnen auch ein Vorbild und m√∂chten ihnen damit eine M√∂glichkeit aufzeigen, wie sie sich auch in einer anderen Bekleidungsform √§sthetisch pr√§sentieren k√∂nnen, ohne sich bei bestimmten Elementen unwohl zu f√ľhlen¬Ľ, sagte Sarah Voss seinerzeit, die ein Jahr sp√§ter den Fairplay des Sports f√ľr ihren couragierten Auftritt erhielt.

Massgeblich unterst√ľtzt wurde das Vorhaben von der damaligen Cheftrainerin Ulla Koch: ¬ęMir ist es wichtig, dass die Athletinnen selbstbewusst entscheiden k√∂nnen, in welchem Outfit sie sich wohlf√ľhlen und ihre √úbungen pr√§sentieren. Ich hoffe, dass unsere Athletinnen mit diesem Zeichen die jungen Turnerinnen nicht nur im Leistungs-, sondern auch im Breitensport erreichen und ihnen damit diese M√∂glichkeit der Bekleidung n√§herbringen. Niemand sollte gezwungen werden, sich in einer Sportart aufgrund der Bekleidung unwohl zu f√ľhlen¬Ľ, sagte Koch 2021.

Neben dem Deutschen Turnerbund engagiert sich auch British Gymnastics verst√§rkt f√ľr eine inklusive Bekleidung. Die neue Produktreihe ist die Fortsetzung des Programms ¬ęLeap Without Limits¬Ľ (Sprung ohne Grenzen), welches die Vision hat, ein positives Turnerlebnis f√ľr alle zu schaffen.

√úbersicht nationale Bekleidungsvorschriften

In vielen Turnsportarten gibt es Bekleidungsvorschriften. Gr√ľnde daf√ľr sind: Sicherheit, √Ąsthetik, qualitative Bewertung etc. Die nachfolgende Auflistung dient der √úbersicht und ist nicht abschliessend.

Kunstturnen Frauen/Mädchen

Einf√ľhrungsprogrammProgramme 1‚Äď4Programme 5‚Äď6

Die Turnerin hat einen sportlich-korrekten, undurchsichtigen Wettkampfdress zu tragen, der ein elegantes Design aufweisen muss. Sie kann eine lange Hose in der Farbe des Wettkampfdress tragen (durchgehender Wettkampfdress mit langen von der H√ľfte bis zum Kn√∂chel reichenden Beinen √† Unitard).
‚áí Turnerinnen d√ľrfen kurze Hosen tragen (Shorts). Diese m√ľssen passend zum Wettkampfdress sein (stoff- und farbgleich).
F√ľr Mannschaftswettk√§mpfe gilt einheitliches Tenue f√ľr alle.

Detailliertere Ausf√ľhrungen sind im Wettkampfprogramm Kunstturnen Frauen zu finden.

Kunstturnen Männer/Knaben

Einf√ľhrungsprogrammProgramm 1‚Äď4Programm 5‚Äď6
Die Turner d√ľrfen an allen Ger√§ten kurze Wettkampfhosen tragen. Dunkle Farben der Wettkampfhosen sind erlaubt. Ein Wettkampfdress muss an allen Ger√§ten getragen werden.

An den Geräten Pauschenpferd, Ringen, Barren und Reck tragen die Turner lange Turnhosen und Socken.

An den Geräten Boden und Sprung tragen die Turner kurze Hosen. Dunkle Farben der Wettkampfhosen sind erlaubt.
F√ľr Mannschaftswettk√§mpfe gilt einheitliches Tenue f√ľr alle.

An den Geräten Pauschenpferd, Ringe, Barren und Reck tragen die Turner lange Turnhosen und Socken.
An den Ger√§ten Boden und Sprung tragen die Turner kurze Hosen. F√ľr Mannschaftswettk√§mpfe gilt einheitliches Tenue f√ľr alle.

Detailliertere Ausf√ľhrungen sind im Wettkampfprogramm Kunstturnen M√§nner zu finden.

Rhythmische Gymnastik

Das Wettkampfdress muss enganliegend sein sowie aus nicht-durchsichtigem Material bestehen. Spitzenpartien m√ľssen unterlegt sein (von Oberk√∂rper bis zur Brust), Becken-/Schritt-Bereich sollte mit nicht durchsichtigem und nicht hautfarbenem Stoff, bis zu den H√ľftknochen bedeckt sein (ab 2024 g√ľltig). Der Beinausschnitt des Wettkampfdress darf nicht √ľber die Leistenbeuge hinausgehen.

Erlaubt sind:

  • Lange Strumpfhosen √ľber oder unter dem Wettkampfdress
  • Ein langer einteiliger Wettkampfdress (Unitard), vorausgesetzt, dass dieser eng anliegt
  • Die L√§nge und Farbe(n) des die Beine bedeckenden Stoffes m√ľssen an beiden Beinen gleich sein.
  • Die Art des Rockes (Schnitt oder Muster) ist frei, aber ein Ballett ¬ęTutu¬Ľ ist verboten
  • Ein Rock der √ľber dem Gymnastikanzug, Strumpfhose oder Einteiler nicht weiter als bis zum unteren Beckenrand reicht

Detaillierte Ausf√ľhrungen dazu sind im Code de Pointage der FIG zu finden.

Trampolin

Frauen/Mädchen
  • Wettkampfdress (hauteng) mit oder ohne √Ąrmel
  • ev. Long Tights oder Ganzk√∂rperanzug (hauteng)
  • ev. Kurze Hosen (hauteng)
  • Andere Bekleidung, die nicht hauteng ist, ist nicht erlaubt
  • Gesicht und/oder Kopf nicht bedeckt
  • Trampolinschuhe und/oder weisse Fussbekleidung
Männer/Knaben
  • √Ąrmelloses oder kurz√§rmliges Wettkampfdress
  • Kunstturnerhosen (einfarbig) aber nicht schwarz/dunkel oder kurze Hosen
  • Trampolinschuhe und/oder Fussbekleidung in derselben Farbe wie Kunstturnerhose oder weiss

Detaillierte Ausf√ľhrungen dazu sind im Code de Pointage der FIG zu finden.

Geräteturnen

  • Einzelger√§teturnen: Die Bekleidung muss enganliegend sein.
  • Vereinsturnen: Die Bekleidung ergibt ein ganzheitliches Erscheinungsbild. Die Bekleidung darf die Bewertung nicht behindern und die Turnenden nicht gef√§hrden.

Gymnastik/Tanz

Die sichtbare Bekleidung muss ein gruppenbezogenes und/oder ein themabezogenes Erscheinungsbild ergeben und darf die Bewegung und Bewertung nicht behindern. Kopfbedeckungen aus religi√∂sen oder gesundheitlichen Gr√ľnden sind erlaubt.

Aerobic

Die Bekleidung darf die Bewegungen nicht behindern. Die Bewegungen der einzelnen K√∂rperpartien sowie die Fusstechnik m√ľssen jederzeit sichtbar beurteilt werden k√∂nnen.

Platin Partner

Gold Partner

Silber Partner

Bronze Partner

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