Enorme und spannende Entwicklung

  • 11. Oktober 2021

  • Alexandra Herzog

  • Stephan Boegli / Alexandra Herzog

  • Erschienen im GYMlive 4/2021

Olympische Spiele bedeuten auch f√ľr Kampfrichterinnen wie Christine Frauenknecht einen H√∂hepunkt. Die Appenzellerin blickt auf ihre drei bisherigen Olympia-Eins√§tze zur√ľck, wirft einen Blick auf die Entwicklung im Frauenkunstturnen und den Swiss Cup Z√ľrich.

Zur Person

Christine Frauenknecht

Christine Frauenknecht (61) steht seit 46 Jahren auf nationaler und internationaler Ebene als Kunstturn-Kampfrichterin im Einsatz. Bereits dreimal war sie an Olympischen Spielen sowie an 9 Weltmeisterschaften, 16 Europameisterschaften, 2 European Games, 6 European Youth Olympic Games und unz√§hligen Weltcups dabei ‚Äď und dies in 36 verschiedenen L√§ndern.

Beruflich ist die Appenzellerin als Sachbearbeiterin im Rechtsdienst tätig.

Christine Frauenknecht, dreimal schon durftest du an Olympischen Spielen als Kampfrichterin mittun. Was macht Olympia so besonders?

Christine Frauenknecht: Wie es f√ľr die Athletinnen und Athleten das Gr√∂sste ist, an Olympischen Spielen teilzunehmen, ist es das auch f√ľr uns Kampfrichterinnen und -richter. Wir stehen nicht f√ľrs eigene Land im Einsatz, sondern werden von der FIG (Anm. d. Red.: Internationaler Turnverband) aufgeboten. Damit man aufgeboten wird, muss man in den vier Jahren eines Olympiazyklus gen√ľgend Punkte sammeln, um sich zu qualifizieren.
 

Und wie kommt man zu Punkten?

Indem man an den Weltcups und Weltmeisterschaften gut wertet (lacht).
 

Wie unterscheidet sich ein Kampfrichter-Einsatz an Olympischen Spielen von dem an anderen Grossanlässen?

Vom Werten her gar nicht. Man gibt an jedem Anlass sein Bestes und bewertet die Athletinnen und Athleten so, wie sie es f√ľr die gezeigte √úbung verdienen. Aber das ganze Drumherum ist spezieller. Ich bin ein wenig angespannter. Auch die Vorbereitung auf Olympia ist besonders aufw√§ndig.
 

Wie läuft so eine Vorbereitung ab?

Wir sind eine Gruppe und werten im Voraus verschiedene √úbungen von Athletinnen ab Video. In der Covid-Zeit haben wir noch viel mehr solche √úbungseinheiten abgehalten als normal. Wir mussten √† jour bleiben, solange keine Wettk√§mpfe stattfanden. Das war sehr aufw√§ndig ‚Äď auch die vielen Kurse, welche wir angeboten haben.
 

Welches war bisher dein speziellstes Erlebnis an Olympischen Spielen?

Sicher die Medaillenfeiern von Roger Federer 2012 in London und die von Giulia Steingruber 2016 in Rio. Aber alle Spiele hatten etwas Spezielles. London 2012 sowieso, da dies meine ersten Olympischen Spiele waren. Die Stimmung mitten in der Stadt war genial. In Rio 2016 wohnten wir sehr dezentral. Dennoch war es speziell ‚Äď das erste Mal in S√ľdamerika zu sein. Und Tokio ohne Publikum sowieso ‚Äď das h√§tte auch irgendein anderer Wettkampf sein k√∂nnen. Aber f√ľr die Athletinnen und Athleten war es wichtig, dass die Spiele haben stattfinden k√∂nnen. Olympische Spiele sind das Gr√∂sste und f√ľr viele Athleten und Athletinnen wegweisend f√ľr das sp√§tere Leben.

Zuk√ľnftig wird noch n√§her an die Perfektion geturnt.
Christine Frauenknecht Internationale Kampfrichterin Kunstturnen Frauen

Was hat sich seit deinen ersten Olympischen Spielen 2012 aus deiner Sicht am stärksten verändert?

In sportlicher Hinsicht hat sich seit 2012 die artistische und t√§nzerische Ausf√ľhrung der Turnerinnen stark verbessert. In den Stufenbarren-√úbungen werden viel mehr Verbindungen geturnt als noch vor neun Jahren.
 

Du bist seit 36 Jahren international als Kampfrichterin tätig. Wie bist du dazu gekommen?

Als 1971 in Teufen die Kunstturnriege gegr√ľndet wurde, begann ich zu turnen. Vier Jahre sp√§ter machte ich mein erstes Kampfrichter-Brevet. Heidi N√§f, damals Kampfrichter-Chefin und Chefin Kunstturnen Frauen im Schweizerischen Frauenturnverband, hat mich gef√∂rdert. So durfte ich schon fr√ľh Wettk√§mpfe werten und auch bald den internationalen Kurs absolvieren. Damals habe ich praktisch jeden kantonalen Wettkampf gewertet und auch keine nationale Meisterschaft ausgelassen.

Parallel war ich Kunstturn-Trainerin. Das ist ein grosses Plus. Als Trainerin weiss man, was es braucht, um ein Element turnen zu k√∂nnen. Dadurch hat man auch das Gesp√ľr beim Richten. Den Kampfrichterinnen und -richtern, die nicht Trainer sind, fehlt teilweise das n√∂tige Fingerspitzengef√ľhl.
 

Worin liegt der Reiz dieser Tätigkeit?

Erstmal ist es sicherlich die Leidenschaft f√ľr diesen Sport. Wenn du schon als Kind damit anf√§ngst, so immer weiter hineinwachsen und dich steigern kannst. Das ist schon reizvoll. Ausserdem ist es sch√∂n, den Sportlerinnen und Sportlern mit konstruktiver Kritik zu helfen, immer besser zu werden. Ich leite gerne Kurse und freue mich, wenn es junge Leute gibt, die man nachnehmen kann. Leider ist die Bereitschaft f√ľr eine solche T√§tigkeit geringer geworden als fr√ľher. Die Wenigsten m√∂chten so viel Zeit in vestieren, ohne etwas zu verdienen. Viele sehen nur den Aufwand dahinter und nicht, was es einem alles gibt.
 

Wie viele Stunden pro Woche wendest du f√ľr das Kampfrichten auf?

Sehr viele. Es ist ja nicht nur die Zeit f√ľrs Richten an sich. Praktisch jeden Abend sitze ich nach der Arbeit noch an den Computer, beantworte Mails und erledige viele administrative Aufgaben. Mindestens 10 Stunden pro Woche wende ich daf√ľr auf. Ich habe mir, ehrlich gesagt, noch nie dar√ľber Gedanken gemacht. Seit 2013 bin ich noch Mitglied im Technischen Komitee von ‚ÄĻEuropean Gymnastics‚Äļ. Dieses Amt beansprucht mich sehr.

Interview anlässlich der EM in Basel

Was macht eine gute Kampfrichterin aus?

Man muss zuverl√§ssig sein, sich dauernd weiterbilden und sich mit der Materie auseinandersetzen. Nebst Erfahrung braucht es  Genauigkeit, Selbstvertrauen sowie kommunikative F√§higkeiten und international nat√ľrlich gute Englischkenntnisse. Wie oben bereits erw√§hnt, muss man ein gewisses Fingerspitzengef√ľhl und Gesp√ľr f√ľr die Turnerin haben ‚Äď und dann nat√ľrlich auch das turntechnische Wissen.
 

Wie lernt man ein so umfassendes Regelwerk wie den ‚ÄĻCode de Pointage‚Äļ auswendig?

Da muss man Schritt f√ľr Schritt hineinwachsen. Erstmal lernt man die Symbolschrift zu lesen und zu schreiben. Ohne diese kannst du nicht werten. Danach lernst du die allgemeinen und ger√§tespezifischen Abz√ľge auswendig. Dann geht es darum, die √úbung live, w√§hrend sie geturnt wird, in Symbolschrift mitzuschreiben und gleichzeitig die Abz√ľge zu beurteilen. Anschliessend eruiert man den Schwierigkeitswert. Um das zu trainieren, gibt es ein spezielles Programm. Begonnen bei den Pflichtelementen tastet man sich dann sukzessive an immer schwierigere √úbungen heran.

Man braucht Fingerspitzengef√ľhl und ein gewisses Gesp√ľr f√ľr die Turnerin.
Christine Frauenknecht

Inwiefern hat sich die Richtertätigkeit verändert, gibt es technische Hilfsmittel?

Sie hat sich sehr verändert. Hilfsmittel sind der Code, der alle vier Jahre angepasst wird. Dann gibt es ein sogenanntes Helpdesk, das immer wieder Erklärungen zum Code bietet. Weitere Hilfsmittel sind Videos. Dadurch kann man die Übung in Zeitlupe nochmal anschauen. Man ist daran, eine computerisierte Bewertung zu entwickeln.

In einigen Jahren braucht es dann vielleicht nur noch Kampfrichter, um die Artistik zu bewerten. Das kann der Computer nicht. Ansonsten ist man schon sehr weit. Im Männer-Kunstturnen könnte bereits das meiste per Computer bewertet werden. Ich bin gespannt, wohin die Entwicklung noch geht.
 

Wie hat sich das Frauen-Kunstturnen in all den Jahren entwickelt?

Die Entwicklung ist enorm und spannend. Fr√ľher lernte man zum Beispiel einen Handstand, indem man ihn einfach wieder und wieder probierte. Heute schulst du zuerst die athletischen Voraussetzungen wie das St√ľtzen und die Mittelk√∂rperspannung. Wenn man diese draufhat, kann man das Element. So lautet heute der Grundsatz. Weiter sind heute die Trainingsstunden h√§ufiger und intensiver gegen√ľber fr√ľher. Die Ger√§te wurden weiterentwickelt und es wurden Hilfsger√§te geschaffen.
 

Was fasziniert dich am Frauen-Kunstturnen?

Dass es √§sthetisch und gleichzeitig athletisch ist. Grunds√§tzlich gefallen mir die athletischen, spritzigen Turnerinnen besser als die grazilen. Trotzdem soll eine √úbung grazi√∂s und exakt ausgef√ľhrt werden. Das unterscheidet es auch vom M√§nner-Kunstturnen. Dort braucht es vor allem Kraft.
 

Wo, meinst du, steht das Frauen-Kunstturnen in zehn Jahren?

Ich glaube, dass die √Ąsthetik und die Artistik noch st√§rker gewichtet werden. Und dass immer n√§her an die Perfektion geturnt wird. Was auch kommt, ist, dass am Balken alle Elemente verbunden werden. Will heissen, dass Stopps und Zwischenschritte wegfallen. Flugelemente und Verbindungen am Barren m√ľssen perfekt ausgef√ľhrt werden. Dies muss jetzt geschult werden, denn darauf kommt es in Zukunft an.

Spezielle Licht- und Toneffekte sorgen am Swiss Cup Z√ľrich f√ľr eine aussergew√∂hnliche Showatmosph√§re.

Ein internationaler Kunstturn-Anlass, der dieses Jahr noch ansteht, ist der Swiss Cup Z√ľrich am 7. November im Hallenstadion? Dort bist du als Kampfgericht-Chefin im Einsatz. Welchen Stellenwert hat aus deiner Sicht dieser Show-Wettkampf?

Einen extrem hohen. F√ľr die Schweiz und den STV ist das ein sehr guter Anlass, um das Kunstturnen der √Ėffentlichkeit zu pr√§sentieren. Der Paarwettkampf ist etwas Einzigartiges, zudem sehr spannend und er wird jeweils richtig gut inszeniert.
 

Was ist der Unterschied zwischen dem Werten an einem Ernstkampf und einem Show-Wettkampf wie dem Swiss Cup Z√ľrich?

Da es ein Show-Wettkampf ist, sind alle weniger verbissen als an einem Ernstkampf. Wir werten aber gleich wie an einer Weltmeisterschaft. Auch die Athletinnen und Athleten m√∂chten das Beste zeigen, schliesslich gibt es beim Swiss Cup Z√ľrich auch einen finanziellen Anreiz.

Olympiasieger/-in am Start

Der diesj√§hrige Swiss Cup Z√ľrich findet am Sonntag, 7. November 2021 im Hallenstadion Z√ľrich statt. Neben den speziellen Licht- und Toneffekten garantiert auch der spannende Wettkampfmodus ein Spektakel der Sonderklasse. Je eine Turnerin und ein Turner aus einem Land treten im Paarwettkampf gegeneinander an.

Ihre Teilnahme bereits best√§tigt haben die Teams aus Russland (mit den Olympiasiegern Angelina Melnikowa und Nikita Nagorni), der USA, der Ukraine, der T√ľrkei, Frankreich, Deutschland und Italien sowie Schweden.