Wendy Bruce-Martin

Eine Trainerin «made in USA»

  • 23. MĂ€rz 2022

  • Emilie Lambiel / ahv

  • Thomas Ditzler

  • Erschienen im GYMlive 1/2022

Im Oktober 2021 ist die Amerikanerin Wendy Bruce-Martin in die Schweiz gekommen, um das Kunstturn-Nationalkader der Frauen vorĂŒbergehend zu trainieren. Mittlerweile hat sie einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Cheftrainerin in Magglingen. Ein neues Abenteuer fĂŒr die ehemalige Olympia-Turnerin.

Zur Person

Wendy Bruce-Martin

Geburtsdatum: 23. MĂ€rz 1973

Wohnort in der Schweiz: Magglingen

Wohnort in den USA: Orlando, Florida

Familie: Verheiratet mit Dennis, zwei Töchter Cameron (24) und Sammie (20)

Beruf: Cheftrainerin, Mentalcoach

Hobbys: Sport und Lesen

Meine erste Erinnerung ans Turnen: «Die schönen Momente, die ich als Kind mit meinen Freunden in der Turnhalle im SĂŒden Floridas verbracht habe.»

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Es ist Januar, als ich Wendy Bruce-Martin, die neue Cheftrainerin der Schweizer Kunstturnerinnen, in der JubilÀumshalle in Magglingen treffe. Das Training ist gerade zu Ende und in der Halle ist es ganz still. «Die Turnerinnen haben Pause, bevor sie Anfang Nachmittag in den Schulunterricht gehen», erklÀrt Bruce-Martin.

Nach etwas mehr als drei Monaten im Amt hat die Amerikanerin bereits eine starke Verbindung zum Team aufgebaut und versteht das Schweizer Schulsystem immer besser. Aber wie kommt eine ehemalige US-Olympiaturnerin zu diesem Job in Magglingen?

«Es ist einfach passiert»

Im Herbst 2021 rief sie ihr Kollege Tony Retrosi, Ad-interim-Trainer Kunstturnen Frauen, an und fragte, ob sie von Oktober bis Dezember in die Schweiz kommen könnte, um ihm zu helfen, das Kader zu trainieren. «ZunĂ€chst habe ich abgelehnt. Es erschien mir zu kompliziert, so lang weg von meiner Familie zu sein», erzĂ€hlt Wendy Bruce-Martin, fĂŒgt aber gleich hinzu: «Nach GesprĂ€chen mit meinem Mann habe ich mich schliesslich doch entschieden, mich in das Abenteuer zu stĂŒrzen.»

Als ihr spĂ€ter eine Festanstellung angeboten wurde, stellte sich die Frage der Distanz zu ihrer Familie erneut. «Nach all den Wochen, die ich mit den MĂ€dchen verbracht hatte, wusste ich, was fĂŒr eine Art Coach sie benötigen. Ich konnte nicht gehen, ohne sie in guten HĂ€nden zu wissen», erinnert sich Bruce-Martin. Sie konnte sich zunĂ€chst vorstellen, bis zu den Europameisterschaften zu bleiben, um den Übergang sicherzustellen. Doch am Ende nahm sie den unbefristeten Vertrag an: «Am Anfang dachte ich, das sei keine Option, aber mein Mann ĂŒberredete mich, zu bleiben und auch das Projekt â€č2028/2032â€ș des STV hat mich ĂŒberzeugt.»

Wendy Bruce-Martin
Die Amerikanerin fĂŒhlt sich in der Schweiz bereits wohl.
Ich konnte nicht gehen, ohne sie in guten HĂ€nden zu wissen.
Wendy Bruce-Martin

Die Schweiz entdecken

Wendy Bruce-Martin kam im Herbst 21 ohne ihre Familie in die Schweiz. Eine grosse VerĂ€nderung fĂŒr die aus Florida stammende Amerikanerin. «Ich war noch nie in der Schweiz gewesen. Was mich bei meiner Ankunft am meisten beeindruckte,waren die Alpen», erinnert sie sich. Sie schĂ€tzt auch die Tatsache, dass eine Mehrheit in der Schweiz Englisch kann: «Das ist ein grosser Vorteil fĂŒr mich.» Trotzdem möchte Wendy Bruce-Martin Deutsch lernen. Einerseits, um sich zu integrieren, andererseits, um besser mit den Turnerinnen kommunizieren zu können.

«Ich habe mich fĂŒr Deutsch entschieden, weil ich den Eindruck habe, dass dies fĂŒr mich als Englischsprachige eine leichter zu erlernende Sprache ist und weil das in der Schweiz am meisten gesprochen wird», erklĂ€rt Bruce-Martin.

Doch die Unterschiede zwischen der Schweiz und den USA sind zahlreich und hören nicht bei der Sprache auf. Wendy Bruce-Martin geniesst jedoch das Leben in ihrer neuen Heimat und sie war auf diese VerĂ€nderung vorbereitet: «Ich war bereit, Florida, wo die Hitze im Sommer erdrĂŒckend ist, zu verlassen. Hier scheint alles einfacher zu sein. Ich suchte nach etwas Ruhigerem, Bedeutungsvollerem und weniger Materialistischem. Beispielsweise kann ich hier in Biel meine EinkĂ€ufe zu Fuss erledigen.»

Wendy Bruce-Martin
Wendy Bruce-Martin will auch die mentale StÀrke der Turnerinnen fördern.

Wertvolle Momente

Die Trennung von ihrem Mann und ihren beiden Töchtern ist trotzdem nicht immer einfach. Vollbepackte Tage und Wochenenden, an denen Wendy Bruce- Martin mit Planen und Arbeiten beschĂ€ftigt ist, lassen sie die Entfernung vergessen. Ausserdem kommt es regelmĂ€ssig zu einem Wiedersehen: «Mein Mann und ich versuchen, uns einmal im Monat zu treffen. Er kommt oft in die Schweiz und ich habe vorgesehen, im April nach Florida zu gehen.» Die ganze Familie traf sich auch in den Weihnachtsferien fĂŒr eine Woche zum Snowboarden in Grindelwald. Eine erste rutschige Erfahrung, welche die Amerikaner begeisterte, die sich sonst eher an Sonne und Hitze gewohnt sind. «Mein Mann liebt den Schnee und die Natur. Er ist sehr angetan von der Idee, sich in ein paar Jahren – wenn er in Rente geht – in der Schweiz niederzulassen.»

Bis dahin sind die wenigen Momente, die sie mit der Familie verbringen kann, wertvoll. Ihren Worten nach zu schliessen noch bedeutungsvoller als frĂŒher.

Ich suchte nach etwas Ruhigerem und weniger Materialistischem.
Wendy Bruce-Martin

Eine Karriere in der Turnhalle

Es ist ein reich befrachteter Werdegang in der Turnwelt, der Wendy Bruce-Martin nach Magglingen gefĂŒhrt hat. Nach einer Karriere als Kunstturnerin und einer Bronzemedaille mit dem US-Team an den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona ist sie dem Turnen treu geblieben und wurde Trainerin. «An den Olympischen Spielen in Barcelona erlebte ich den besten Wettkampf meines Lebens. Alles lief wie geplant und wir holten eine Medaille. Das war einmalig und ich wĂŒnsche das allen meinen Turnerinnen», so die Cheftrainerin.

Mit 30 Jahren drĂŒckte Bruce-Martin nochmal die Schulbank, um sich in Psychologie weiterzubilden und ihrem Wissensrucksack ein weiteres StĂŒck hinzuzufĂŒgen. Seit nunmehr bald 20 Jahren arbeitet sie als Trainerin, ist seit zehn Jahren als Beraterin tĂ€tig und hĂ€lt VortrĂ€ge fĂŒr «USA Gymnastics». Bruce-Martin ist auch Choreographin und hat schon mehr als 150 Turnlager in den USA geleitet. Aussserdem ist sie von der Schweiz aus immer noch als Mentaltrainerin tĂ€tig. Dank der Zeitverschiebung kann sie ihre Klienten auch abends nach einem anstrengenden Arbeitstag in Magglingen betreuen.

Auf die Frage, wie lange sie in der Schweiz bleiben will, ist ihre Antwort klar: «Bis mich die MÀdchen nicht mehr brauchen.»

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