Wenn Mitmachen selbstverständlich ist
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Wenn Mitmachen selbstverständlich ist

Carolina Estibeira
Fotos: zvg/Christian Meier

Inklusion beginnt nicht mit grossen Konzepten, sondern mit einer Haltung: Alle dürfen dabei sein. Im STV Wehntal ist das seit vielen Jahren selbstverständlich. Kinder mit und ohne Behinderung trainieren gemeinsam – und wachsen aneinander.

Ihr Kind im Turnverein anzumelden, ist für einige Familien selbstverständlich. Aber nicht für  alle. Eine Mutter des STV Wehntal, die anonym bleiben möchte, erzählt, dass der Turnverein ein wichtiger Schritt hin zu mehr Normalität im Alltag ihres Sohnes mit frühkindlichem Autismus war. «Es hat meinem Sohn wirklich geholfen, dass er Teil einer Gruppe sein konnte», sagt sie. Besonders wertvoll sei gewesen, dass er gemeinsam mit neurotypischen Kindern trainieren durfte. «Mit anderen Menschen zusammen zu sein – das war auf jeden Fall sehr positiv.» Auch für die ganze Familie habe die Vereinszugehörigkeit viel bedeutet. Der Sohn konnte zusammen mit seinem Bruder ins Turnen green und Teil eines ganz normalen Vereinslebens sein. Höhepunkte waren die Auftritte am Chränzli: «Er stand schon drei Mal auf der Bühne. Das waren immer sehr schöne Momente – und er war jedes Mal mit viel Freude dabei.»

Der offene Umgang im Verein habe Vertrauen geschaffen. Für ihren Sohn, aber auch für  
sie selbst. «Ich denke, das war wichtig für seine Zukunft. Er konnte sich öffnen, anderen Menschen begegnen. Dafür bin ich sehr dankbar.» Inzwischen ist er 18 Jahre alt und seit etwa zehn Jahren im Verein. Er war zuerst in der Jugi und ist nun im Geräteturnen dabei. 

Gleich behandeln –  aber nicht gleich lassen

Eine zentrale Rolle spielt die Arbeit der Leiter*innen und Leiter. Andrea Sohàr, Kinderturnen­ und U10­Leiterin, setzt im Alltag auf klare  Strukturen und Gleichbehandlung. «Ich habe mit den Eltern abgemacht, dass ihr Kind mit Trisomie 21 gleichbehandelt wird wie alle anderen auch», sagt sie. Klare Regeln, Konsequenzen und verlässliche Abmachungen gelten für alle. Gerade zu Beginn ist ein enger Austausch mit den Eltern wichtig, später reicht oft ein regelmässiger Kontakt. 

Ähnliche Erfahrungen macht auch Iris Bolliger. «In unseren Trainings sind alle willkommen, weil jedes Kind etwas Eigenes mitbringt», sagt sie. Manchmal sei es herausfordernd, allen Bedürfnissen gleichzeitig gerecht zu werden. «Dann muss man auch mal warten können – und sich bewusst Zeit für ein spezielles Bedürfnis nehmen.» Zwar brauche ein inklusives  Kind gelegentlich mehr Aufmerksamkeit, «meist reicht aber ein Kontrollblick».

In der Elternarbeit setzen beide auf pragmatische Lösungen. Während Andrea Sohàr den Austausch insbesondere zu Beginn betont, ist für Iris Bolliger vor allem eines entscheidend: gute Informationen. «Es hilft, wenn Eltern erklären, was in schwierigen Situationen unterstützt – quasi eine kleine Bedienungsanleitung für ihr Kind.»
Zur Realität gehört auch, dass Inklusion Grenzen hat. Wenn Sicherheit oder Ressourcen nicht mehr gewährleistet sind, braucht es klare Gespräche – und manchmal einen Schlussstrich. «Das ist nicht einfach, aber notwendig», sagt Sohàr.

Inklusion als gelebte Vereinskultur

Im STV Wehntal wird Inklusion nicht als Zusatzangebot verstanden, sondern als Teil der 
Vereinskultur. Verantwortlich dafür ist Denise Girardet, die den Verein seit vielen Jahren in unterschiedlichen Funktionen geprägt hat und heute Ansprechperson für Inklusion ist. «Unser Verein war schon immer offen für alle Kinder – unabhängig von ihren Einschränkungen», sagt sie. Im Zentrum stehen nämlich die Gemeinschaft, die Freude an Bewegung und das Miteinander. Diese Haltung wurde durch ein klares Leitbild verankert. Darin hält der Verein fest, dass er allen offensteht – unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Behinderung. Als 
weiteren Schritt ist der STV Wehntal seit 2020 offiziell von Swiss Inclusive Sport als inklusiver Verein (Unified) zertifiziert. 

Denise Girardet, Ansprechperson «Unified» STV Wehntal

Sie haben ihm einfach  ermöglicht, gut zu sein.

Lernen, austauschen, unterstützen

Erfolgreiche Inklusion braucht Wissen, Austausch und Unterstützung. Nebst dem braucht es aber auch Vorbilder. Denise Girardet erzählt von einem emotionalen Moment letztes Jahr am ETF in Lausanne. «Beim Fachtest Unihockey beobachtete ich einen Verein, der eine Person mit einer Behinderung dabei  hatte. Seine Vereinskollegen haben sich ums Feld gestellt und ihm dann im richtigen  Moment Anweisungen gegeben und ihn motiviert. Da kamen uns allen die Tränen. Sie  haben es möglich gemacht, dass er gut ist. Ihr Teamgeist  war inspirierend.» Und diesen Teamgeist will man auch beim STV Wehntal übermitteln. «Offene Kommunikation im Leiterteam und mit den Eltern ist zentral», betont Denise Girardet. Ebenso wichtig sei es,  Grenzen zu kennen  und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die Erfahrungen sind vielfältig – und oft bereichernd. Kinder lernen früh, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Teams werden so gebildet, dass niemand ausgeschlossen wird. Und auch das Vereinsleben profitiert: «Es entsteht ein inklusiver Spirit, der alle bereichert.»

Kleine Schritte mit grosser Wirkung

Inklusion im Turnverein ist kein starres Konzept. Sie lebt von Vertrauen, Offenheit und Menschen, die bereit sind, hinzuschauen und dazuzulernen. Für die Mutter, deren Sohn schon viele Jahre Teil des Vereins ist, ist klar: «Es hat unserem Sohn und unserer Familie sehr viel gebracht.» 

Bewegung beim STV Wehntal

Vereine wie der STV Wehntal zeigen, dass Inklusion nicht bei Reglementen beginnt, sondern bei Menschen: bei Leiterinnen und Leitern, die hinschauen, bei Eltern, die Vertrauen schenken, und bei Kindern, die einfach mit machen. Und genau darin liegt die Kraft der Inklusion: Wenn Mitmachen selbstverständlich wird – für alle.

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