Für mich wurde dabei eindrücklich sichtbar: Schutzkonzepte wirken dann am stärksten, wenn sie sichtbar, niederschwellig und im Wettkampfalltag spürbar sind.
«Der Schutz, das Wohlbefinden und die Würde unserer Athletinnen und Athleten bilden das Fundament eines ethisch verantwortungsvollen Turnsports.» Dieses Verständnis prägt meine Arbeit im Bereich Ethik und Recht des STV. Umso wichtiger ist es für mich, die Ethikdiskussion auch über die Schweizer Grenzen hinaus zu verfolgen und von Projekten anderer nationaler Verbände zu lernen.
Auf Einladung des Deutschen Turner-Bundes nahm ich in meiner Funktion als Fachmann Ethik und Recht an einem Safeguarding Lab teil – einem informellen Austausch zwischen Ethikverantwortlichen und Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern verschiedener nationaler Turnverbände. Der Anlass fand im Rahmen der Weltmeisterschaften der Rhythmischen Gymnastik in Frankfurt statt und beinhaltete unter anderem Workshops zum Projekt «Body Confidence».
Dieses Projekt ist fest in der Ausbildung der DTB-Trainerinnen und -Trainer verankert. Es unterstützt die Turnenden dabei, eine positive Körperwahrnehmung zu entwickeln, und zeigt auf, wie eine wertschätzende, konstruktive Sprache über den eigenen Körper und den Körper anderer Athletinnen und Athleten im Trainingsalltag gezielt eingesetzt werden kann. Auch der STV befasst sich schon länger mit dieser Thematik.
Schutz sichtbar und greifbar machen
Besonders eindrücklich war für mich zu sehen, wie der psychische und physische Schutz von Athletinnen, Athleten und Besuchenden an einem internationalen Anlass konkret umgesetzt wurde. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer wurden vor dem Anlass umfassend instruiert. In der Wettkampfhalle und in der angrenzenden Fanzone machten Hinweisschilder auf sogenannte sensitive Orte wie Umkleiden oder Toiletten aufmerksam und riefen zu besonders rücksichtsvollem Verhalten auf.
Ergänzend erinnerten Awareness-Plakate an eine inklusive und wertschätzende Sprache sowie daran, vor Foto- und Videoaufnahmen die Erlaubnis der abgebildeten Personen einzuholen. Hier setzt sich der STV bereits seit einigen Jahren für eine faire, respektvolle und sportlich angemessene Bildberichterstattung ein: Fotomanual
Die aus meiner Sicht wirkungsvollste Massnahme war die Präsenz von Awareness-Chaperones: sichtbar gekennzeichnete Ansprechpersonen in violetten Überziehleibchen, an die sich Betroffene direkt wenden konnten. Bei Bedarf begleiteten sie hilfesuchende Personen in einen eigens eingerichteten Schutzraum, der Ruhe, Diskretion und Schutz vor belastenden Situationen bot.
Impulse für den Schweizer Turnsport
Aus diesen Beobachtungen nehme ich wichtige Impulse für den Schweizer Turnsport mit. Dem STV ist bewusst, dass solche Massnahmen sinnvoll und wichtig sind, es war jetzt aber spannend, eine Umsetzungsmöglichkeit in der Praxis zu sehen. Das Konzept der sichtbar gekennzeichneten Chaperones, sowie ein separater Schutzraum für Ruhe und Diskretion können bei Anlässen ab einer gewissen Grösse einen klaren Mehrwert bieten. Sie tragen dazu bei, dass sich alle Beteiligten sicher fühlen und ein wertschätzender Umgang konkret gelebt wird.
Auch Hinweise und Sensibilisierungsmassnahmen an sensitiven Räumen wie Kabinen, Toiletten oder Betreuungszonen halte ich für sinnvoll. Sie knüpfen an die Diskussion zu Werten und Ethik an, die bereits während des Eidgenössischen Turnfests Lausanne 2025 angestossen wurde.
Prävention bleibt eine Daueraufgabe
Die Teilnahme am Safeguarding Lab hat mir gezeigt, wo der STV mit seinen Initiativen ansetzen kann, um nachhaltige Präventionsarbeit im Schweizer Turnsport weiter voranzubringen. Ein Modul zur Sensibilisierung von Trainerinnen und Trainern für Körpersprache und Selbstwertgefühl ist als Teil des Ethik-Ausbildungskonzepts bereits vorgesehen. Die Eindrücke aus Frankfurt machen zudem deutlich: Hilfe muss möglichst niederschwellig und sichtbar angeboten werden, damit Schutzkonzepte nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern auch am Wettkampfort ankommen.
Für mich ist klar: Das Interesse und die Bemühungen um Präventionsarbeit dürfen nicht nachlassen. Der STV will seine Vorreiterrolle im Schweizer Sport weiter stärken und zeigen, dass Schutz, Wertschätzung und sportliche Höchstleistung Hand in Hand gehen können.






