Mensch und Stahl im perfekten Gleichgewicht – Rhönradturnen
News

Mensch und Stahl im perfekten Gleichgewicht – Rhönradturnen

Turn-Kosmos
Carolina Estibeira
Fotos: Andy Meschberger/Elia Kilcher, B.J.A. Treuren

Geräte‑ und Kunstturnen kennt man – doch der STV ist weit mehr. Unter seinem Dach vereint er 14 Sportarten sowie zahlreiche Disziplinen und Bewegungsangebote. Die neue Rubrik «Turn‑Kosmos» zeigt dieses vielfältige Universum jenseits von Reck und Barren.

Wenn ein Rhönrad ins Rollen kommt, verstummt die Halle: Eine Rhönradkür beeindruckt durch die Kombination aus Körperkraft und anmutiger Leichtigkeit. Doch was macht diese Sportart so faszinierend? In der Schweiz hat sich das Rhönradturnen in den letzten Jahrzehnten zu einer festen Grösse im Turnsport entwickelt. Und auch das Interesse ist gewachsen. Viele Vereine haben eine Wartefrist von ein bis zwei Jahren. 

Jacqueline Tschann, STV-Ressortleiterin Rhönrad

An Einzelwettkämpfen haben wir mittlerweile fast 200 Startende pro Wochenende. Das ist für eine kleine Sportart, wie wir es sind, sehr viel.

So würden auch einige Wettkampfausrichtende an ihre Kapazitätsgrenzen stossen. Deshalb würde im Moment ein Umdenken stattfinden, wie man gerade im Nachwuchsbereich mehr Wettkämpfe anbieten könnte, damit die Masse etwas besser verteilt wird. «Das Geheimnis liegt im perfekten Gleichgewicht zwischen Mensch und Stahl. Das Rhönrad wird nicht durch Motoren bewegt, sondern nur durch die Kraft, das Gewicht und die Körperspannung der Athletinnen und Athleten. Diese unmittelbare Verbindung macht jede Bewegung so besonders», so die Rhönrad-Ressortleiterin
des STV, Jacqueline Tschann. Mit jeder Gewichtsverlagerung, jedem Zug und jeder Drehung wird das Rad gelenkt, gebremst oder beschleunigt. 

Die Sportart 

Im Mittelpunkt steht die intensive Beziehung zwischen Turner*in und Gerät. Für das Publikum sieht es oft spielerisch und mühelos aus. Aber in Wahrheit fördert Rhönradturnen eine Vielzahl körperlicher und geistiger Fähigkeiten: Gleichgewicht, Kraft, Beweglichkeit, Mut und Konzentration.

Die drei Disziplinen – Vielfalt auf Rädern

Das Rhönradtraining ist abwechslungsreich und fordernd. Es beginnt oft mit einfachen Basisübungen: dem sicheren Ein- und Aussteigen, den ersten Rollbewegungen, dem Halten der Balance. Schritt für Schritt arbeiten sich Anfängerinnen und Anfänger zu komplexeren Elementen vor – unterstützt von erfahrenen Trainerinnen und Trainern, die Sicherheit und Technik in den Vordergrund stellen. Die STV-Ressortleiterin hat seit ihrer Kindheit selbst Rhönrad geturnt und weiss, wie herausfordernd eine komplette Kür ist: «Es ist körperlich anspruchsvoll und erfordert viel Kraftausdauer sowie eine konstante Körperspannung über die gesamte Übung hinweg. Gleichzeitig bleibt auch die mentale Seite eine grosse Herausforderung. Eine Wettkampfsituation verlangt Fokus und Ruhe.» 

Am ETF 2019 hat die Moderatorin des ETF TV, Dara Masi, das auch gleich beim TV Untersiggenthal ausprobiert:

Kurz gesagt: «Die Vorbereitung wird mit jedem Schritt intensiver. Von der Detailarbeit bis zur vollständigen Kür wächst der Anspruch kontinuierlich – körperlich, technisch und mental. Ich denke, hier unterscheiden wir uns nicht gross vom Geräte- und Kunstturnen», so die STV-Ressortleiterin Rhönrad, Jacqueline Tschann. Das Rhönradturnen ist reich an Variationen und fordert die Turnenden in unterschiedlichen Disziplinen:

  • Geradeturnen: 
    Das Rad rollt auf beiden Reifen aufrecht über die Bodenfläche. Akrobatische Elemente wie Handstände, Stützsprünge oder Drehungen werden zu einer harmonischen Kür verbunden. Hier zählen Technik, Ausführung und Schwierigkeit.
     
  • Spiraleturnen: 
    Das Rad wird gekippt und bewegt sich spiralförmig scheinbar schwerelos nur noch auf einer Reifenseite. Balancegefühl und Feinkoordination sind hier entscheidend. Der Wechsel zwischen grosser und kleiner Spirale, das gezielte kurze Stoppen, Kippen und Weiterrollen machen den Wettkampf besonders anspruchsvoll.
     
  • Sprung: 
    In der Sprungdisziplin bringen die Turnenden das Rad in Schwung, rennen hinterher und springen dann, meistens in
    einer Bückstützhaltung, auf das Rad. Sobald die Turnenden oben auf dem Rad stehen, springen sie anschliessend herunter auf eine dicke Matte.
Rhönrad ist auch eine Disziplin im Vereinsturnen.
Entstehungsgeschichte

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte der deutsche Turner Otto Feick das Gerät. Inspiriert von den Eisenreifen, mit denen Kinder im ländlichen Raum spielten, baute der gelernte Schlosser und Eisenbahner die erste Variante des Rhönrads. Nach mehreren Prototypen liess er 1925 das Rhönrad patentieren – benannt nach der Mittelgebirgsregion Rhön. In den 1980er-Jahren kam das Rhönradturnen dann auch in die Schweiz. 1992 fand in Liestal die erste Europameisterschaft statt. 1995 wurde in Basel der Internationale Rhönradturn-Verband gegründet.

Als besondere Disziplinen gibt es noch das Paar- und Vereinsturnen: Beim Paarturnen bewegen zwei Personen ein Rad und turnen dabei Elemente gemeinsam. Das Gegengewicht der Partnerin bringt eine ganz neue Dynamik mit sich und ermöglicht teilweise komplett andere Elemente, als ursprünglich geplant. Beim Vereinsturnen wird mit drei bis sechs Rädern gleichzeitig eine Gruppenchoreografie zu Musik geturnt. Meistens sind auch hier Paarturn-Varianten zu sehen. Der absolute Teamgeist, Vertrauen und Kreativität
stehen dabei im Mittelpunkt. 

Die Juniorinnen und Junioren holen an der WM 2025 den ersten Team-Weltmeistertitel.

International erfolgreich 

Die Schweizer Rhönrad-Sportlerinnen und -Sportler überzeugen seit Jahren mit herausragenden Leistungen auf internationaler Bühne. An der WM 2025 erturnten die Junioren den ersten Team-Weltmeistertitel und auch an der Einzel-WM 2024 waren die Schweizerinnen und Schweizer stark. Diese Erfolge sind das Ergebnis einer starken Nachwuchsförderung, engagierter Trainerinnen und Trainer und eines grossen Zusammenhalts innerhalb der Rhönrad-Community.

Die Rubrik «Turn-Kosmos» im GYMlive

Diese Geschichte und viele weitere gibt es in der nächsten GYMlive-Ausgabe vom 21. April.

Sponsoren

Sponsoren

Platin Partner

Silver Partner

Bronze Partner