Wer in der Schweiz an Leichtathletik denkt, denkt meist zuerst an Swiss Athletics. Der nationale Fachverband steht insbesondere für den Leistungs- und Spitzensport. Doch auch im STV hat die Leichtathletik seit jeher einen wichtigen Stellenwert.
«Swiss Athletics ist stärker auf den Leistungssport ausgerichtet, während der STV die Leichtathletik vor allem im Breitensport fördert», erklärt Philip Salathe, Ressortleiter Leichtathletik beim STV. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte arbeiten die beiden Verbände eng zusammen. Die Wettkampfregeln sind dieselben, viele Vereine sind sowohl Mitglied bei Swiss Athletics als auch beim STV. Dadurch können Athletinnen und Athleten an Wettkämpfen beider Verbände teilnehmen. Regelmässige Treffen, gemeinsame Ausbildungen für Kampfrichtende sowie abgestimmte Ausbildungswege für Trainerinnen und Trainer stärken die Zusammenarbeit
zusätzlich.
In der DNA der Turnvereine
Leichtathletik ist Teil der DNA des Schweizer Turnsports. In vielen Turnvereinen gehört sie zum polysportiven Angebot, in dem alle ihren Platz finden. «Für mich stehen die Turnvereine und der STV für Vielseitigkeit. Turnen umfasst nicht nur Geräteturnen, sondern auch Leichtathletik, Spiele, Fachtests und vieles mehr. Die
Leichtathletik ist ein wichtiger Bestandteil dieser Vielfalt», sagt Salathe.
Besonders sichtbar wird dies an den Turnfesten. Ohne leichtathletische Disziplinen würde etwas fehlen. Tausende Turnerinnen und Turner messen sich jedes Jahr darin. Am Eidgenössischen Turnfest 2025 in Lausanne zählten Disziplinen wie Pendelstafette, Weitsprung oder Kugelstossen zu den beliebtesten Disziplinen
innerhalb des Vereinswettkampfs.
Bewährtes weiterentwickeln
Tradition allein genügt jedoch nicht. Der STV entwickelt seine Leichtathletik-Angebote laufend weiter. Seit 2026 werden die Pendelstafette und der Leichtathletik-Mannschaftsmehrkampf (LMM) als offizielle Schweizer Meisterschaften geführt. Bisher existierten diese als STV-Meisterschaften. Damit erhalten diese Wettkämpfe höhere Sichtbarkeit und neue Entwicklungsmöglichkeiten.
«Es ist uns wichtig, dass sich die Leichtathletik innerhalb des STV weiterentwickelt. Deshalb überprüfen und modernisieren wir unsere Wettkampfformate laufend», erklärt Salathe.
Es ist uns wichtig, dass sich die Leichtathletik innerhalb des STV weiterentwickelt. Deshalb überprüfen und modernisieren wir unsere Wettkampfformate laufend.
Vereine als Talentförderer
Eine besondere Stärke der Leichtathletik im STV liegt in der Verbindung von Breiten- und Leistungssport. Viele Turnvereine fördern vielseitige Athletinnen und Athleten, die insbesondere im Mehrkampf erfolgreich sind. Prominentes Beispiel ist Simon Ehammer vom TV Teufen. Er gehört zur internationalen Spitze und konnte 2026 das renommierte Mehrkampf-Meeting in Götzis (AUT) gewinnen. Trotz seiner Erfolge bleiben sie ihren Stammvereinen eng verbunden und starten weiterhin
regelmässig an STV-Wettkämpfen.
Auch andere Spitzenathleten wie Andrin Huber oder Cédric Deillon (beide TV Teufen) zeigen, wie Leistungssport und Vereinsleben Hand in Hand gehen können. Eine weitere international erfolgreiche Leichtathletin, die aus einem Turnverein stammt, ist Annik Kälin vom AJ TV Landquart. Nicht selten beginnt eine erfolgreiche Leichtathletikkarriere sogar in einer anderen Turnsportart. So war Stabhochspringerin Angelica Moser (Turnfabrik Frauenfeld) zunächst im Kunstturnen aktiv, bevor sie zur Leichtathletik wechselte.
Unterschiedliche regionale Verankerung
Die Rolle der Leichtathletik im STV ist in den Sprachregionen unterschiedlich ausgeprägt. Während die Sportart in der Romandie und im Tessin vor allem in spezialisierten Leichtathletikvereinen organisiert ist, verfügen zahlreiche STV-Vereine in der Deutschschweiz über eine lange und starke Leichtathletiktradition. Dazu
gehören beispielsweise Vereine im Bezirk March (SZ) oder der TV Teufen. Sie profitieren von ihrer Ausrichtung als polysportive Vereine und können ihren Mitgliedern ein breites Sportangebot bieten.
Das einzigartige Modell sichern
Eine Herausforderung der kommenden Jahre wird es sein, die starke Position der Leichtathletik innerhalb des STV zu erhalten. Mit den für 2027 geplanten Anpassungen der Mitgliederbeiträge entfällt der bisherige Vorzugstarif für Personen, die sowohl dem STV als auch Swiss Athletics angehören. Dies könnte Auswirkungen auf die bisher verbreitete Doppelmitgliedschaft haben.
Für Philip Salathe ist deshalb klar: «Es ist entscheidend, dass der STV auch künftig attraktive Leichtathletik-Wettkämpfe anbietet und die Bedeutung dieser Sportart innerhalb des Ver-bandes sichtbar bleibt.»
Denn gerade das Zusammenspiel von STV und Swiss Athletics macht die Schweizer Leichtathletik besonders. Es ermöglicht Athletinnen und Athleten, sportliche Höchstleistungen anzustreben und gleichzeitig Teil eines vielseitigen und lebendigen Vereinslebens zu bleiben.
- 1832: Gründung des Eidgenössischen Turnvereins (Vorläufer des STV), Leichtathletik-Disziplinen werden nach und nach Teil des Turnbetriebs.
- 1905: Gründung erste nationale Leichtathletik-Organisation
- 1971: Gründung Schweizerischer Leichtathletikverband (SLV) durch den Zusammenschluss zweier bestehender Verbände. Seit 2006 trägt sie den Namen Swiss
Athletics.
- 1985: Gründung des Schweizerischen Turnverbandes (STV) durch den Zusammenschluss des Eidgenössischen Turnvereins und des Schweizerischen Frauenturnverbands.
- Heute: Swiss Athletics und der STV entwickeln gemeinsam die Schweizer Leichtathletik weiter.
Du bist Weltklasse-Leichtathlet. Was hat dir der Turnverein mitgegeben, das dich bis heute prägt?
Der Turnverein hat mir unglaublich viel mitgegeben – weit über den Sport hinaus. Dort habe ich als Kind gelernt, Freude an Bewegung zu haben, Neues auszuprobieren und mich mit anderen zu messen. Gleichzeitig habe ich erfahren, was Gemeinschaft bedeutet: zusammen trainieren, sich gegenseitig unterstützen,
Erfolge feiern, aber auch mit Niederlagen umgehen.
Im Turnverein wurden für mich wichtige Grundlagen gelegt – koordinativ und athletisch, aber vor allem auch menschlich. Disziplin, Durchhaltevermögen, Teamgeist
und die Freude daran, sich immer weiterzuentwickeln, begleiten mich bis heute.
Auch wenn ich heute als Leichtathlet auf den grössten Bühnen der Welt antrete, sind diese Wurzeln geblieben. Der Turnverein war für mich ein Ort, an dem Sport
vor allem eines sein durfte: Freude. Und ich glaube, genau diese Freude ist bis heute einer der wichtigsten Gründe, warum ich meinen Sport mit so viel Leidenschaft
betreibe.







