Ein Neustart, der Hoffnungen weckt
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Ein Neustart, der Hoffnungen weckt

Bieler Tagblatt / Bernhard Rentsch
Fotograf: Nik Egger

Zwanzig Jahre nach der Auflösung des kantonalen Turnverbandes rückt im Kanton Bern ein erneuter Zusammenschluss wieder in den Fokus. Eine Krise hat die Entwicklung angestossen, sie bringt Bewegung in die Berner Turnlandschaft. Drei der fünf Turnverbände haben erste Schritte in Richtung einer gemeinsamen Zukunft eingeleitet. Mehr dazu im folgenden Artikel aus dem Bieler Tagblatt.

Der Knall nach 154 Jahren: Am 1. März 2002 wurde der Berner Kantonaltumverband aufgelöst. Die fünf Regionalverbände (Seeland, Mittelland, Oberland, Oberaargau-Emmental und Jura Bernois) wurden selbstständig und gestalteten sich unterschiedlich. Es entwickelte sich lange erfolgreich eine «Schönwetter-Organisationsstruktur», die funktioniert, solange keine Wolken am Horizont auftauchen. Fehlende personelle und finanzielle Ressourcen, organisatorische Parallelen oder unklare Zuständigkeiten gegenüber kantonalen oder nationalen Partnern zeigten aber zunehmend die Grenzen auf.

Lange schwelte das Problem und fand keinen kantoninternen Konsens. Die fünf Parallelverbände konnten sich nicht einigen, die Ängste vor Kompetenzverlusten waren zu gross. Ein Projekt zur Fusion war abstimmungsreif, scheiterte aber 2013 am Widerstand einzelner Vereine. Die Initianten wurden zurück auf Feld 1 gesetzt und resignierten.

Junge Crew übernahm Initiative

So viel zur Vergangenheitsbewältigung. Denn die Neuzeit zeigt eine völlig neue Entwicklung. Auslöser war eine Krise im Mittelländischen Turnverband. Nach dem Rücktritt des kompletten Vorstandes stand der Verband vor dem Aus, ehe eine neue Crew die Geschicke in die Hände nahm.

Mit dabei die TV-Wohlen-Turnerin Marion Zbinden, die nach einem Jahr der internen Aufgabenverteilungen als Vorstandsmitglied dann das Präsidium übernahm. Der junge Vorstand des Mittelländischen Turnverbandes arbeitete sich ein und stellte Fragen. «Wir gingen unverbraucht und vielleicht auch etwas naiv an die Arbeit», so die 29-jährige Präsidentin. «Das war aber bei vielen Themen ein Vorteil, mussten wir doch nicht Vergangenes mitschleppen und zu viel Rücksicht nehmen.»

Pragmatisches Vorgehen

Da hakte Samuel Morgenthaler gerne ein. Der 44-jährige Nidauer ist seit 2020 Präsident des Seeländischen Turnverbandes und kennt mittlerweile die Zusammenhänge gut, nachdem er während Jahren als Oberturner und Präsident beim TV Nidau auf Vereinsstufe aktiv war. «Ich fand den Draht zu Marion sofort, unterstütze sie gerne bei Fragen, die auch mich beschäftigen, und schätze die Vorwärtsstrategie.» Man suchte rasch pragmatische Lösungen, um die scheinbar verfahrene Situation zum Zusammengehen der bernischen Regionalturnverbände zu beseitigen.

«Seit vielen Jahren arbeiten Turnerinnen und Turner aus allen fünf Verbänden unter dem Kürzel VBT – Vereinigung Berner Turnverbände – zusammen», so Marion Zbinden und Samuel Morgenthaler zur Ausgangslage. «Aus- und Weiterbildungen werden gemeinsam organisiert, kantonale Angelegenheiten zentral diskutiert und gelöst.» Auch bei Fragen von Gesuchen und der Koordination mit kantonalen Stellen sowie mit dem Schweizerischen Turnverband oder bei Turnfestfragen sei man im ständigen Kontakt. «Es fehlte einzig der offizielle Überbau, ohne die Kompetenzen der Regionalverbände einzuschränken.»

Drei von fünf starten gemeinsam

Erkannt, geplant und getan: Marion Zbinden und Samuel Morgenthaler entwickelten während anderthalb Jahren ein mögliches Modell des neuen Kantonalturnverbandes. «Eine Fusion oder das Auflösen der Regionalverbände war dabei nie ein Thema», so der letztlich erfolgreiche Ansatz. «Wir wollen die bestehende Zusammenarbeit fördern und weiterentwickeln und dort eine kantonale Struktur aufbauen, wo sie nötig ist.» Der seeländische Verbandspräsident kennt Anforderungen im Kurswesen, bei der Turnfestorganisation oder im Spitzensport sehr gut. Da sei man sogar verpflichtet, eine kantonale Struktur aufzubauen, wenn man als Stützpunktbetreiber vom nationalen Verband unterstützt werden will. Marion Zbinden tut insbesondere das, was sie von ihrer Anstellung beim Schweizerischen Kies-, Beton- und Recyclingverband her kennt: Sie jongliert erfolgreich Finanzielles und bringt ihre Erfahrungen mit Changemanagement im Verbandswesen ein.

Was in den Köpfen und auf dem Papier bei Marion Zbinden und Samuel Morgenthaler längst existierte, wurde zur Realität. Der Turnverband Kanton Bern wurde am 10. November 2025 gegründet, danach haben der Seeländische Turnverband, der Mittelländische Turnverband und der Oberländische Turnverband an ihren jeweiligen Delegiertenversammlungen 2025 der Mitgliedschaft zugestimmt. Nur drei? Im Wissen, dass die Verbände Jura Bernois und Oberaargau-Emmental das Berner Quintett vervollständigen?

Pragmatismus, auch hier. Marion Zbinden sagt: «Wir entscheiden nicht dann, wenn alle an Bord sind und wenn jedes Kästchen im Organigramm ausgefüllt ist.» Tun, mit denen, die da und bereit sind, heisst die Strategie.

Samuel Morgenthaler ergänzt: «Das sind keine Voten gegen unser Vorgehen. Es braucht noch etwas Zeit. Wir sind aber überzeugt, dass letztlich alle mitmachen.» So, dass nun auch die Weiterarbeit mit Personalsuche und organisatorischen Details mit viel Elan an die Hand genommen werden kann. Rund 40’000 Turnerinnen und Turner in über 200 Vereinen wissen den neuen Schwung zu schätzen.

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