Ariella Kaeslin wurde nur von Cheng Fei aus China, die auch das Bodenturnen gewann, knapp geschlagen. Die 21-jährige Luzernerin hat nach zwei vierten Plätzen an Europameisterschaften und einem 5. Rang an den Olympischen Spielen in Peking endlich den ersten Podestplatz an einem grossen Turnier geschafft. Sie turnte am schwierigsten und erreichte mit einer 15,275 für ihren "Tschussowitina" (Überschlagsalto vorwärts gestreckt mit Eineinhalbschraube) die höchste Tagesnote. Die dreifache Sprung-Weltmeisterin Cheng Fei zeigte nur einen Sprung mit Schwierigkeitsgrad 5,80 (gegenüber 6,30 von Kaeslin). Dank den besseren Haltungsnoten gewann die Chinesin gleichwohl mit einem knappen Zehntel Vorsprung vor Kaeslin, die trotz Müdigkeit am Saisonende eines ihrer wertvollsten Ergebnisse erzielte. "Ich bin überglücklich, dieses Jahr mit einem solchen Resultat abschliessen zu können", freute sich die Schweizerin, die zudem ein Preisgeld von 5000 Franken in Empfang nehmen konnte.
Die Zukunft gehört Ariella Kaeslin
Die beste Schweizer Turnerin war nur durch das Ausscheiden der verletzten Oksana Tschussowitina (De, Achillessehnenriss) und Anna Pawlowa (Russ, Kreuzbandriss) und dem Verzicht weiterer Turnerinnen als Nummer 4 gestartet. Noch nie gelang einer Schweizer Turnerin oder einem Turner an einem Weltcup-Final eine solche Leistung. Die zweifache Ex-Weltmeisterin Elena Zamolodschikowa (Russ) musste sich nach zwei Landungen auf den Knien und relativ einfachen Sprüngen mit dem 6. Platz begnügen.
Ariella Kaeslin gehört in dieser Form bei den Europameisterschaften im April 2009 in Mailand zu den Medaillenanwärterinnen, zumal dort die verletzten Tschussowitina und Pawlowa immer noch fehlen werden.
Schärers Abschied mit einem Sturz
Obwohl Olympiasieger Zou Kai (China) und Weltmeister Fabian Hambüchen (De) am Reck fehlten, war das Reckturnen zum Abschluss der zweitägigen Wettkämpfe der Höhepunkt dieses Finals nach einer zweijährigen Weltcupperiode. Christoph Schärer (28) musste gleich als erster ans Gerät. Er stürzte beim Winkler-Salto, wodurch ein Spitzenplatz nicht mehr möglich war (14,20). Igor Cassina (It), Olympiasieger 2004, musste gleich zweimal vom Gerät (12,725). Der Holländer Epke Zonderland, mehrfacher Finalist an grossen Wettkämpfen, turnte brillant (16,175) und gewann seinen ersten internationalen Titel vor dem Australier Philippe Rizzo, Weltmeister 2007 (15,825), sowie dem mehrfachen Weltmeister Hiroyuki Tomita (Jap, 15,325).
Christoph Schärer, ein Reckspezialist, tritt nach einer langen internationalen Karriere zurück. Er turnte zweimal an Olympischen Spielen (2004 und 2008), fünfmal an Weltmeisterschaften (6. 2001 und 8. 2008) und sechsmal an Europameisterschaften (mit Bronze 2004 und 2006).
Mehrheitlich gab es bei den Finals Favoritensiege, wobei meistens jene Turnerinnen und Turner gewannen, die am schwierigsten turnten. Madrid bildete nicht nur für Schärer, sondern auch für andere Spitzenkräfte, die jahrelang vorne dabei waren, den Abschluss ihrer Karriere. Das Fehlen der US-Amerikanerinnen drückte auf das Niveau bei den Frauen, während bei den Männern durchwegs WM-Final-würdige Felder am Start waren.
Erwin Hänggi