War das ein Abschied für Viktor Röthlin («Ich erlebte heute das Grösste, Schönste und Gewaltigste in meiner gesamten Zeit als Spitzensportler»). Auf seinen letzten 42,195 EM-Marathonkilometern (2:13:07) durch die Stadt Zürich lieferte der erfahrene «Altmeister» (Jahrgang 1974, PB 2:07:32/Schweizer Rekord) und Titelverteidiger ein Lehrstück bezüglich Planung, Vorbereitung und Umsetzung eines Marathons ab. Top vorbereitet lief er in der ersten Rennhälfte Fünf-Kilometerzeiten von je plus-minus neun Sekunden. In der zweiten Hälfte lagen die Abschnittszeiten innerhalb von 51 Sekunden: Röthlin, das laufende Schweizer Uhrwerk. Diese Perfektion, gepaart mit Ausdauer und Willensstärke, führte den Obwaldner auf den 5. EM-Schlussrang.
«Jetzt gerade fühle ich mich extrem gut. Mein Leben wird sich nun nicht mehr nach Marathon-Läufen richten. Ein Vergleich mit dem Titel vor vier Jahren, das geht nicht. Der Sieg in Barcelona fiel damals mit dem 1. August, unserem Nationalfeiertag zusammen, das war ein spezielles Erlebnis für mich. Nun höre ich auf. Zurück bleibt ein geniales Schweizer Marathon-Team, bezüglich der Zukunft ist das optimal. Die Goldmedaille von Kariem Hussein hat viel Druck von mir genommen. Heute konnte ich total befreit loslaufen», so ein glücklicher Röthlin nach dem Rennen.
Abschiedstränen auf der Quaibrücke
Nach Röthlins Zieleinlauf flossen auf der Quaibrücke viele Tränen, gab es viele Umarmungen und es wurde ohne Ende abgeklatscht und applaudiert. Der Platzsprecher huldigte Röthlins Wert für die nationale Leichtathletik. Die Rührung war gross, bei Alt und Jung. Mit dem Marathonläufer Röthlin zieht sich ein sympathischer, geerdeter und grosser Schweizer Sportler von der internationale Wettkampfbühne zurück, der durch sein Auftreten beste Werbung, national und international, für die Sportschweiz machte und natürlich immer noch macht. Der Innerschweizer ist ein Vorbild, das jederzeit herbeigezogen werden kann.
Vor lauter Röthlin-Rührung darf die starke Gesamtleistung des CH-Marathon-Teams nicht vergessen gehen: Tadesse Abraham (2:15:05/9.), Christian Kreienbühl (2:18:36/23.), Michael Ott (2:22:51/37.), Patrick Wieser (2:25:33/44.) und Adrian Lehmann (2:26:37/46.) zeigten Geschlossenheit. Die Genannten sind alle mindestens fünf Jahre (Wieser) jünger als Viktor Röthlin, Lehmann gar 15 Jahre. Wenn sie weitermachen, darf sich die Leichtathletik-Schweiz auf die kommenden Grossanlässe freuen. EM-Bronze verdiente sich die Schweiz durch die Addition der drei besten Einzelresultat (Röthlin, Abraham, Kreienbühl). Es wurde eng, ganz eng. Russland (6:46:04/1.), Frankreich (6:46:29/2.) und die Schweiz (6:46:48/3.) trennten lediglich 44 Sekunden.
Italien, das den neuen Europameister stellt, erscheint in der Team-Wertung nicht, da nur zwei Südländer den Lauf beendeten (s. unten). Drei Athleten gaben angeschlagen auf.
Mannschaftsleistung
«Nein, nein. Bronze haben wir nicht dank meiner Leistung gewonnen. Es war eine Team-Leistung, keine Frage. Ich bin quasi 42 Kilometer lang geflogen, die Zuschauenden und Freunde trugen einen durch die Stadt. Bei Kilometer 40 wurde ich über die Zwischenstände informiert. Wir merkten, dass es knapp werden könnte. Auf den letzten zwei Kilometern versuchte ich noch einmal alles aus meinem Körper herauszuholen – es hat geklappt», so Kreienbühl, der an nationalen Wettkämpfen für den TV Oerlikon aufläuft. – Übrigens: Daniele Meucci heisst der neue Marathon-Europameister und Röthlin-Nachfolger, kommt aus Italien und siegte mit der neuen persönlichen Bestzeit von 2:11:08 Stunden.
3000 m Steeple
Fabienne Schlumpf konnte über 3000 m Steeple erwartungsgemäss nicht mit den besten Läuferinnen mitlaufen, das war klar. Die 24 Jahre alte Athletin kam im Final gar nicht auf Touren. Von der Souveränität, die Schlumpf im Halbfinal ausstrahlte, als sie die Slowenin Marusa Mismas im Schlussspurt auf die Plätze verwies, war am Sonntag nichts mehr zu sehen. Vom Start weg trabte sie im Feld der 14 Finalistinnen in den hinteren Regionen und lief mit 9:55,92 gut vier Sekunden langsamer als in der Qualifikation (9:51,45). «Während dem Einlaufen machte mir Fabienne einen guten Eindruck, sie fühlte sich bestens», äusserte sich ihr Trainer Michi Rüegg. Schlupf blieb im EM-Finallauf rund 18 Sekunden über ihrem persönlichen Bestwert (9:37:81).
«Ich habe mir natürlich deutlich mehr erhofft, als am Schluss herausschaute. Ich war nicht auf einen bestimmten Rang fokussiert sondern auf ein schnelles Rennen, dies hätte dann auch einen guten Rang ergeben. Nach etwa zwei Kilometern waren meine Batterien leer. Keine Ahnung weshalb. Am Publikum kann es nicht gelegen haben, das war genial», so eine niedergeschlagene Fabienne Schlumpf nach dem Hindernisrennen. Im Publikum übrigens ihre Turnkolleginnen und -kollegen mit auffälligen, weissen Schlumpf-Kappen gekleidet. «Heute hat es noch nicht geklappt. Wir glauben aber an ‹unsere› Fabienne. An den Olympischen Spielen 2016 in Rio wird sie laufen», so ihre TV-«Fäns» einhellig.
Staffelfinals: Am EM-Schlusstag konnte sich die 4x100-m-Männerstaffel mit dem FSG-Estavayer-Startläufer Pascal Mancini gegenüber der Qualifikation nicht verbessern: vierter Platz. Die berechtigten Medaillenhoffnungen lagen dann bei den Frauen. Diese schlugen sich aber selber: Startläuferin Mujinga Kambundji, die in der EM-Woche sonst alles richtig gemacht hat, schlug sich mit dem Oberschenkel den Stab aus der Hand – auch das ist Sport.
Mit dem Final-Sonntag sind die 22. Leichtathletik-Europameisterschaften 2014 in Zürich Vergangenheit. In zwei Jahren findet die Europameisterschaft in Amsterdam (Ho) statt.
EM-Medaillenspiegel
Der Top-10-EM-Medaillenspiegel nach dem EM-Schlusstag: 1. Grossbritannien: 12 Gold/5 Silber/6 Bronze/Total 23 Medaillen. – 2. Frankreich: 9/8/6/23. – 3. Deutschland: 4/1/3/8. – 4. Russland: 3/6/13/22. – 5. Holland: 3/2/1/6. – 6. Polen: 2/5/5/12. – 7. Ukraine: 2/5/1/8. – 8. Spanien: 2/1/3/6. – 9. Italien: 2/1/0/3. – 10. Weissrussland: 2/0/0/2. – Ferner: 13. Kroatien, Finnland, Ungarn und die Schweiz: je 1/0/1/2. – 23 Länder klassiert.
Text: Peter Friedli
Weitere EM-Infos: www.swissathletics.ch und/oder www.zuerich2014.ch.
Leichtathletik: Marathon-Bronze und ein Röthlin-Abschied der berührte
Sonntag, 17. August 2014, sechster und letzter LA-EM-Tag in Zürich. Marathon-«Altmeister» und Titelverteidiger Viktor Röthlin zeigte den «Jungen» noch einmal wie es geht. Sein (angekündigter) letzter grosser Marathon wurde für den STV-Alpnach-Läufer zum Triumpf-Lauf durch Zürichs Strassen und bescherte «Vik» zum Karriere-Ende EM-Mannschaftsbronze. Bei der Steeple-Läuferin Fabienne Schlumpf waren die Batterien leer. Aus den 4x100-m-Staffelfinals resultierte ein vierter Platz für die Männer und ein Nuller bei den Frauen.