Als gelernter Schriftsetzter erlangte Jack (Jakob laut Geburtsschein), der am Zürichsee aufgewachsen ist, auf dem zweiten Bildungsweg die Matura und anschliessend das Sportlehrerdiplom. Als aktiver Kunstturner hatte er in der Schweiz grosse Konkurrenz (Walter Lehmann, Sepp Stalder). So wurde Jack erst 1956 bis 1958 dreimal Schweizer Meister, nach seinem Olympiasieg am Reck 1952 in Helsinki. Dazu war er 1957 Europameister an Barren und Reck.
Nach der Sportlehrertätigkeit in Luzern führte sein Weg als Trainer nach Italien, wo er die Nationalriege bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom hinter Japan und der Sowjetunion auf den dritten Platz führte. Giovanni Carminucci und Franco Menichelli, der 1964 Boden-Olympiasieger wurde, waren seine besten Schüler. Gleichzeitig ging es mit dem Schweizer Kunstturnen bergab (Olympia 1960 8., 1964 14.), worauf die damalige Führung des Eidgenössischen Turnvereins (ETV), Zentralpräsident Willy Vetterli und Oberturner Hans Möhr, Jack Günthard in die Schweiz «zurückholten». Als «Chefturnlehrer» der ETS Magglingen und Nationaltrainer bildete er nach einer breiten Sondierung ein Nationalkader aus jugendlichen Kunstturnern, die gewillt waren, die Strapazen eines «modernen» Spitzensportlers auf sich zu nehmen.
Training dreimal pro Woche am Nachmittag in Zürich oder Magglingen, dazu am Samstagvormittag – am Sonntag in wettkampffreien Perioden frei –, eine revolutionierende Neuerung für den Schweizer Amateur-Sport. Vorher waren die Trainings – mit Ausnahmen – stets am Abend und am Wochenende angesetzt. Dass die Kunstturn-Mannschaft an den Weltmeisterschaften 1970 in Ljubljana den sechsten Platz erreichte (Mannschaft des Jahres), war ein Erfolg des neuen Weges in der Schweizer olympischen Bewegung, vor allem was die Sommersportarten betrifft. Neben all den vielen Verdiensten im Bereich des Kunstturnens – beispielsweise im Europaverband UEG in den achtziger/neunziger Jahren als Wettkampfleiter und Analyst der zum Teil schwachen Kampfrichterleistungen – gehört die Professionalisierung des Trainingsbetriebes in der Schweiz zu den Marksteinen in der Arbeit von Jack Günthard, der selbst im Alter von über 50 Jahren nach Aufforderungen aus dem Publikum («Jack ans Reck») mit seinen Riesenfelgen und einem perfekten Hechtabgang brillierte.
Als Mitbegleiter seiner Trainertätigkeit seit 1969 könnte ich unzählige Episoden erzählen. Jack hat nicht nur mir, sondern vielen andern Schweizer Sportjournalisten und Sportfunktionären, im Kunstturnen und andern Sportarten, den Horizont erweitert. Auch als «Fitnesstrainer der Nation» setzte Jack am Radio Akzente, sein Buch «Fit bleiben mit Jack Günthard» aus dem Jahre 1974, also 34 Jahre zurück (!), könnte noch heute in jedem Fitness-Studio aufgelegt werden.
Es bleiben mir und vielen Kollegen unvergessliche Erinnerungen, und niemand glaubt so richtig daran, dass Jack bereits 90 Jahre alt ist. Die ganze Turnwelt wünscht ihm alles Gute. Er bleibt uns in Erinnerung als Jack, als unermüdlicher «Chrampfer», auch als eine Art Diktator (was seinerzeit wahrscheinlich teilweise nötig war), aber auch als geselliger Kamerad, der auf der ganzen Welt wie kaum ein Zweiter in der Branche Kunstturnen Anerkennung gefunden hat.
Erwin Hänggi