«Herzblut und Fleiss»

20. Februar 2020

Der bald 70-jährige Fulvio Castelletti ist in der SFG Chiasso und im Tessiner Kunstturnen eine prägende Figur und engagiert sich an verschiedenen Fronten. Im GYMlive-Stafetteninterview spricht er über seine Leidenschaft für den Turnsport.

GYMlive/Lara Rigamonti: Fulvio Castelletti, wie beurteilst du dich als Mensch selber, stelle dich doch bitte kurz vor.
Fulvio Castelletti:
Ich liebe alles, was mit Turnen zu tun hat. Seit ich das erste Mal eine Turnhalle betreten habe, wollte ich immer alles dafür geben. Ich habe zudem das Glück, dass ich meinen Traumberuf, den des Lehrers, ausüben konnte. 

Welche deiner vielen verschiedenen Aufgaben nimmt momentan die meiste Zeit in Anspruch?
Als Vizepräsident, aber vor allem als technischer Leiter, natürlich alles, was die SFG Chiasso betrifft. Der Verein hat mir viel gebracht, deshalb gebe ich gerne etwas zurück. Viel Zeit nimmt auch die Arbeit als Leiter im Leistungszentrum Kunstturnen in Anspruch.

Deine Stafettenvorläuferin Tamara Grob interessiert es, wie du vor 50 Jahren zum Kunstturnen gekommen bist.
Mein Bruder und ein Bekannter haben mich damals, als ich acht Jahre jung war, mit zum Turnunterricht in die Halle genommen. Zu dieser Zeit gab es noch kein Muki- oder Kinderturnen. Ich wurde sozusagen gezwungen, aber seither bin ich nicht mehr davon weggekommen.

Welche Aspekte am Kunstturnen liebst du am meisten?
Ich liebte es, neue Elemente zu erlernen. Das Kunstturnen war für mich eine Herausforderung, ein Anreiz für meinen Körper.  Es ist schön, zu spüren, dass dein Körper sich neue Bewegungen und Techniken aneignen kann. Man verliebt sich in diesen Sport. Wenn du einmal verzaubert bist, bleibst du verzaubert.

Was hat dich all die Jahre angetrieben und treibt dich immer noch an, die Kunstturn-Welt so genau zu verfolgen?
Mir war von Anfang an klar, dass das Turnen und ich zusammengehören. Was mich heute antreibt, ist die enorme Befriedigung, die ich empfinde, wenn ich etwas für andere tue. Zu wissen, dass ich einen Beitrag leisten kann, spornt mich an.

Welcher Turnmoment war für dich der schönste bisher?
Da gibt es zahlreiche. Alle sind in meinem Herzen. Die Jahre im Sektionsturnen waren wunderbar. In dieser Zeit habe ich die meisten Freundschaften innerhalb des Vereins geschlossen. Und ich verleugne nicht, dass mich der erste Schweizer Meistertitel einer meiner Turnerinnen von Chiasso sehr bewegt hat.

Das Kunstturnen hat in den letzten 50 Jahren grosse Veränderungen erlebt.  Was war, deiner Meinung nach, die grösste oder bemerkenswerteste?
Ganz klar die Infrastrukturen. Einstmals turnten wir an heruntergekommenen Geräten, auf knallharten Matten – alles war improvisiert. Heute gibt es Hilfsgeräte, Schnitzelgruben und Lehrmittel. Die Turnenden werden von Fachleuten unterstützt, die Schule hat ihre Einstellung zum Spitzensport komplett geändert. Das Ansehen der Sportart im Allgemeinen hat sich gewandelt.

Auf Schweizer Ebene gesehen, was funktioniert gut und was nicht?
Der ganze Apparat mit den regionalen Leistungszentren, in denen Nachwuchstalente gefördert werden, funktioniert sehr gut. In den Zentren haben wir professionelle Trainer und sind umfassend organisiert. Weil in der Schweizer Tradition vor allem das Männer-Kunstturnen verankert ist, läuft es dort, meiner Meinung nach, besser als bei den Frauen.

Wie beurteilst Du die Situation im Tessin im Bereich Turnen, insbesondere im Bereich Kunstturnen?
Den Tessiner Talenten fällt es schwer, den Weg über den Gotthard auf sich zu nehmen. Denken wir an Sitten, Sprache und Schule. Für ein 15-jähriges Mädchen ist das eine riesige Veränderung. Für dieses ähnelt der Gotthard eher dem Everest. Trotz aller Bemühungen des Bundes handelt es sich um ein offensichtliches Problem, das nicht einfach zu lösen ist und manchmal unterschätzt wird. 

Grob möchte ausserdem noch wissen, was das Kunstturnen im Tessin vom Kunstturnen von der Deutsch- und Westschweiz unterscheidet?
Es gibt keinen Unterschied. Turnen ist immer Turnen. Tessiner sind vielleicht etwas extravaganter, spontaner. Diese Aspekte differenzieren sie möglicherweise ein wenig in ihrer Art und Weise wie sie ihre turnerische Laufbahn angehen. Herz, Arbeit und Engagement braucht man im Tessin wie in jedem anderen Kanton.

Wie sind die jungen Turnerinnen und Turner der 2000er-Generation?
Man sagt, dass sie nicht mehr ehrgeizig sind, da sie alles haben. Dieses Klischee mag teilweise wahr sein, weil es uns gut geht. Früher gab es weniger Versuchungen. Dennoch gibt es noch viele junge Menschen, die Ziele haben. Unter denjenigen, die sich in der Turnwelt bewegen, gibt es einige Talente – und wird es auch immer geben –, die wissen, wie man für etwas kämpft, den Versuchungen standhält und Durchhaltevermögen haben.

Was würdest du den Eltern eines Mädchens oder Buben raten, das gerade am Übertritt zur Elite steht?
Ich sage ihnen immer, dass ihr Kind seine eigene Entscheidung treffen muss. Für das Kind ist es eine grosse Verpflichtung, für die Eltern ein Opfer, da das Leben auf den Kopf gestellt wird. Wichtig ist, dass sie ihr Kind auf dem Weg, auf dem man leicht hinfallen kann, unterstützen. Sie müssen in schwierigen Momenten zur Stelle sein, müssen neben dem Trainer eine weitere Bezugsperson sein.

Weg vom Kunstturnen, zu dir als Person. Hast du weitere Leidenschaften?
Ich war immer schon ein leidenschaftlicher Leser. Meine ‹Anti-Leidenschaft› ist die Informatik. Davon bin ich ein Gegner und kann auch sagen, warum: Ich glaube, dass sie die Leute austrocknet und das Zwischenmenschliche verloren geht. Dieses ist für mich wichtig. Das Schönste, was es gibt. Junge Leute hängen ständig an ihren Handys, das ist schade. Manchmal weise ich sie darauf hin.

Du bist oft für verschiedene Veranstaltungen und Wettkämpfe unterwegs. Belastet Dich das?
Im Gegenteil, es fasziniert mich. Wenn ich verreise, wünschen mir die Kollegen oft: ‹Schöne Ferien›. Ich erwidere dann: ‹Wenn du das glaubst, versuche es selbst. Das viele Reisen ist intensiv, ja, aber es ist für mich auch ein Vergnügen. Man trifft Spitzenturnerinnen und -turner. Man sieht, spricht und tauscht sich mit Kollegen, Trainern und Turnenden aus. Das ist eine Welt, die mich verzaubert hat.

Seit 2000 hören wir Deine Stimme am Fernsehen bei nationalen und internationalen Sportanlässen. Musst Du Dich jeweils gross vorbereiten oder sprichst du einfach spontan drauf los?
Es ist eine Mischung aus beidem. Ich muss mich natürlich vorbereiten, muss das Bewertungssystem kennen und spezifisches Wissen über das Thema haben. Gleichzeitig sollte ich aber auch in der Lage sein, meine Emotionen auszudrücken. Man muss sich auf das Geschehen einstellen und dann den Kommentare beim Zuschauen abgeben.

Vervollständige zum Schluss doch bitte noch folgende Sätze:

Für die Zukunft des Schweizer Turnens wünsche ich mir, … 
… dass man den eingeschlagenen Weg fortsetzen kann, indem man versucht, die Vorteile der Beziehung zwischen Schule und Sport noch weiter zu intensivieren.

Meine grössten Bemühungen im Jahr 2020 werden …
 
… immer zu Gunsten der Entwicklung der Kunstturn-Elite im Tessin sein.

Das ganze Interview ist auch im GYMlive 1/2020 auf Seite 32/33 nachzulesen.

Foto: Alexandra Herzog

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